Freitag, 15. August 2008

Etappe 30: Von Samos nach Ferreiros

Es ist Mittwoch, der 22. August 2007.

Gegen 6 Uhr morgens verlasse ich das Kloster von Samos und begebe mich wieder auf den Weg durch die Dunkelheit. Es ist erstaunlich warm so früh morgens, stelle ich fest. Als ich den Ort dann verlasse, folge ich der Straße, die nun aufgrund der fehlenden Straßenlichter ganz dunkel ist. Bisweilen bekomme ich eine Art Tunnelblick und kann nur nach vorn sehen, weil links und rechts nur Finsternis ist, in der sich wahrscheinlich dicht bewaldete Berge erheben. Wenig später beginnt es zu regnen und nun wird es wirklich unangenehm. Ich muss meine Regenjacke anziehen obwohl es an sich recht warm ist. Infolgedessen fange ich wieder an zu schwitzen und bin somit doch auch wieder von innen nass. Da macht der Weg dann gerade wieder keinen großen Spaß. Außerdem bekomme ich nun wieder Hunger und der Weg entlang der Straße ist trist und manchmal auch frustrierend, vor allem wenn Autos oder LKWs entgegen kommen und kaum ausweichen. Ich verziehe mich dann schon immer an den äußersten Rand oder laufe hinter den Leitplanken; die vorbeifahrenden Fahrzeuge schleudern dennoch etwas Regen von der Fahrbahn auf mich. Jetzt sehne ich mich nach dem ersten Zwischenstopp in Sarria. Gegen 9 Uhr habe ich diese Stadt dann auch erreicht, aber es regnet nun stärker und es ist richtig unangenehm. Also beschließe ich, erstmal mein obligatorisches Frühstück einzunehmen und setze mich in ein Café. Irgendwie hoffe ich auch, ein paar Bekannte zu treffen, Clare und Thomas zum Beispiel, weil diese unschöne Etappe in Gemeinschaft einfach besser zu ertragen ist. Nach einigen Minuten kommt eine deutsche Pilgerin namens Dorothee aus Darmstadt ebenfalls in das Café und frühstückt. Sie gesellt sich zu mir und wir reden kurz miteinander. Als ich dann wieder aufbreche, hat der Regen nachgelassen und kurzzeitig sogar aufgehört. Noch immer ist es aber schwülwarm. Hinter Sarria geht es dann wieder durch die Natur und somit wird der Weg auch angenehmer. Dennoch, immer wieder fängt es an zu regnen und es sind bedenklich viele Pilger unterwegs. Kaum noch gibt es einen Ort, an dem man wirklich allein wandert.


Kurz vor Ferreiros, meinem heutigen Etappenziel, treffe ich dann auch wieder auf Heidi, Anka und Lois und nach der nun etwas längeren Pause von ihnen, laufe ich gerne wieder ein Stückchen mit ihnen gemeinsam. Da die drei aber heute noch bis Portomarin wollen, trennen sich unsere Wege bald wieder und ich warte am Mittag vor der einsamen Herberge vor Ferreiros. Bis eine nette ältere Dame die Herberge öffnet, bleibe ich auch der einzige Pilger dort und so geht alles ganz entspannt weiter. Ich kann endlich aus den nassklammen Klamotten raus und habe die Dusche mit dem warmen Wasser auch ganz für mich. Aber schon als ich fertig bin mit Duschen, kommen weitere Pilger an und am Nachmittag ist die Unterkunft auch schon so voll, dass viele Pilger weitergeschickt werden müssen. Einige werden sogar von Pensionsinhabern mit dem Auto abgeholt. Diese Situation alarmiert mich und nun sehne ich mir das Ziel Santiago doch ein wenig herbei, damit die Angst um Herbergsplätze bald ein Ende hat. Schön ist allerdings, als unter den frühen Pilgerankömmlingen in Ferreiros mir drei bekannte Gesichter sind: Elisabeth aus Österreich, Reinhard aus Deutschland und die heute erst kennengelernte Dorothee aus Darmstadt spazieren gemütlich herein. Da wir uns hier in ziemlicher Einöde befinden, lernen wir uns in Gesprächen etwas besser kennen und gehen am Abend in ein kleines Restaurant um die Ecke um wieder einmal ein Pilgermenü zu genießen. Damit endet wieder eine Etappe, knapp hundert Kilometer vor Santiago.

Donnerstag, 14. August 2008

Etappe 29: Von O Biduedo nach Samos

Es ist Dienstag, der 22. August 2007.

Für die heutige Etappe habe ich mir als Ziel Samos gesetzt und damit wird es ein relativ kurzer Marsch und so kann ich ausschlafen, verlasse gegen 8 Uhr das Zimmer und frühstücke gleich noch in der Casa Rural. Das Wetter hat sich nicht gebessert, es ist nun sehr feucht draußen mit Nebel und Nieselregen. Für mich bedeutet dies, den Rucksack und die Sachen regenfest zu machen. Gegen halb neun verlasse ich O Biduedo und treffe lange Zeit keine Pilger, weil die natürlich alle schon unterwegs sind. Hier oben in den Bergen mit dem Nebel wirkt die Landschaft etwas geheimnisvoll. Gestern noch hatte ich weite klare Blicke über Berge und in die Täler. Nun kann ich bisweilen nicht einmal mehr fünfzig Meter weit schauen und nur das monotone Treten meiner Stiefel im schlammigen Boden ist zu hören. Ich passiere ein paar Hochspannungsleitungen, die irgendwo im Nichts zu verschwinden scheinen. In der Tat gibt es Stellen, an denen ich meine, die Welt würde hinter einer Nebelwand aufhören zu existieren. Immer häufiger treffe ich nun auch auf kleine Wege, die von Natursteinmauern umgeben sind, was dem Ganzen einen irgendwie keltischen Touch gibt, die geheimnisvolle Stimmung aber nur verstärkt, vor allem weil sich der Nebel auch in diesen Kanälen verfängt. Mitunter sind die Wege so schlammig, dass ich hüpfen muss, um mit den Stiefeln nicht irgendwo stecken zu bleiben. Ich bin ein hüpfender Pilger im Nebel. Irgendwann höre ich dann weitere Schritte und fast erleichtert stelle ich fest, dass ich doch nicht der einzige Mensch auf der Welt bin und schon gar nicht der einzige Pilger auf dem Jakobsweg. Der Nieselregen ist unterdessen zu ertragen, allerdings komme ich nun doch wieder ins Schwitzen und bin daher trotz allem auch von innen nass. Es ist ähnlich, wie bei meiner ersten Etappe über die Pyrenäen.


Kurz vor Triacastela treffe ich auf alte Bekannte aus Ruitelán: die drei Amerikaner und Reinhard der Deutsche tauchen in ihren bunten Regencapes vor mir auf und wirken, als hätte jemand unpassende Farbklekse in ein Landschaftsportrait gemalt. Wir unterhalten uns kurz, wodurch ich erfahre, dass es Jeff noch immer nicht viel besser geht mit seinen Füßen, er sich aber weiter mutig durchkämpft. Seine Schwester und Mutter hingegen sind ganz munter und typisch amerikanisch abgedreht. Nachdem sich die drei entscheiden, in Triacastela zu frühstücken, trennen sich unsere Wege wieder.



Kurz danach teilt sich auch der Jakobsweg wieder in zwei Alternativen, wovon eine über das Kloster Samos führt und eine andere über San Xil. Ich habe mir ja die erste Route ausgesucht und muss dementsprechend eine Weile entlang der Straße laufen. Später dann zweigt der Weg aber ab und führt nun durch eine zauberhafte grüne Landschaft, durch winzige Dörfchen mit eindeutig keltischem Flair. Immer wieder gibt es die in Natursteinmauern eingefassten Wege und meist führen sie durch einen frisch wirkenden grünen Mischwald. Es ist ein wenig wie eine Filmkulisse und manchmal warte ich schon förmlich darauf, dass ein Hobbit von einem Ast hüpft oder ein Zwerg hinter einem Baum hervorkriecht. Alles wirkt natürlich alt, als könnte jeder Baum und jeder Strauch, jeder Stein und jeder kleine Fluss eine eigene lange Geschichte erzählen.



Gegen Mittag erreiche ich schließlich über eine Anhöhe den Ort Samos und von hier oben eröffnet sich mir unvermittelt ein majestätischer Blick auf wohl eines der ältesten Klöster der christlichen Welt. Es fügt sich wunderbar in die grüne Landschaft ein und wirkt überhaupt nicht protzig, sondern ganz bescheiden. Da die Herberge im Kloster aber erst um 14 Uhr öffnet, bleibt mir mehr als genügend Zeit, mir den Ort anzusehen. Während ich so um die Klosteranlage gehe, treffe ich auf Holger, der in León in der Herberge neben mir geschlafen hatte. Als ich ihn frage, wie es ihm geht, erzählt er mir, dass es gar nicht gut ginge. Er hätte schon zwei Tage Magenschmerzen und überlege, ob er seine Reise hier beenden und zurück nach Deutschland fliegen solle. Ich gebe ihm erstmal ein paar meiner homöopathischen Pillen und anschließend zeigt er mir den Eingang zur Herberge. Dort darf ich derweil meinen Rucksack abstellen und gemeinsam gehen wir erst einmal einen Kaffee bzw. Tee trinken. Im Gespräch wird mir klar, dass es ihm wirklich nicht gut geht. Sicher, vor allem hier in der Fremde und nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Wer würde sich da in einer solchen Situation gut aufgehoben fühlen. Ich rate ihm, mit den Hospitaleros vom Kloster zu reden und sich in ein Krankenzimmer aufnehmen zu lassen und Holger scheint sich tatsächlich dazu überwinden zu können. Später dann, als ich noch ein paar Einkäufe tätige und E-Mails nach Hause schreibe, kommt er schnell zu mir und sagt, er habe gerade ein Taxi angehalten und er würde doch nach Sarria fahren und dann nach Hause fliegen; es ginge ihm wieder schlechter. Natürlich kann ich seine Entscheidung verstehen, aber so mitzubekommen, wie für jemanden diese Reise zwangsläufig und so kurz vor dem Ziel enden muss, bestürzt mich. Es ist ein ganz komisches Gefühl, einerseits bestehend aus Dankbarkeit, dass mir sowas bisher erspart blieb und andererseits Furcht, dass es noch passieren könnte.




Als die Herberge schließlich öffnet, stelle ich fest, dass der Schlafraum an sich wunderschön ist, denn er erinnert durch seine gewölbeähnliche Form und die mittelalterlichen Wandmalereien tatsächlich an ein Dormitorium. Die Betten und insbesondere die Matratzen aber sind alt, durchgelegen und nicht sauber – also eher abstoßend und eklig. Ich bleibe aber trotzdem hier, weil es eben nicht immer Luxus pur sein kann, sondern nun muss es eben auch mal das sein. Später treffen dann auch Thomas und Clare ein, über deren Wiedersehen ich mich sehr freue. Ich hatte schon nicht mehr mit ihnen gerechnet und tatsächlich geht es Clares Knöchel auch nicht besser. Gemeinsam nehmen wir an einer Führung durch das Kloster teil, wobei ich feststellen muss, dass es von außen schöner ist, als von innen. Nach dem gemeinsamen Abendessen besuchen wir dann noch gemeinsam die Vesper, die in gregorianischen Gesängen gestaltet ist. Obwohl die Gesänge nicht wie von CD sind, ist es sehr schön und meditativ. Die anschließende Messe hingegen wirkt sehr automatisch und hat wenig Wirkung auf mich. Danach ziehen wir uns in unser Pilgerdormitorium zurück und gehen schlafen.

Mittwoch, 13. August 2008

Etappe 28: Von Ruitelán nach O Biduedo

Es ist Montag, der 20. August 2007.

Die Nacht in der Herberge war dank Ohrstöpseln (Reinhard wurde extra weil er schnarcht unter das Dach verlegt.) recht ruhig, wenngleich es gegen Morgen doch etwas kühl war. Um 6 Uhr wurde das ganze Haus mit dem Ave Maria und anschließend mit Musik der Drei Tenöre beschallt um uns zu wecken. Das war wunderschön und zeigt den spürbaren Unterschied zu anderen Herbergen. Nach dem Aufstehen wartet auch bereits ein wirklich fürstliches Frühstück auf uns mit Kaffee, Milch, Kakao, Toast, Butter, Bananen, Pfirsisch, Honigmelone, Marmelade, Honig, Kuchen etc. Unglaublich, was uns Carlos und seine Kollegen da servieren. Jedenfalls werden wir so sehr gestärkt auf den Weg gehen können. Bei der anschließenden Abrechnung, die ich so sehr gefürchtet habe, stellt sich heraus, dass Carlos für seine gestige Massage nur fünf Euro berechnet und in meiner Erleichterung darüber aber auch weil alles hier sehr liebevoll war, gebe ich ihm drei Euro Trinkgeld. Diese Herberge jedenfalls wird noch eine Weile in meiner Erinnerung bleiben und darf wohl zu den bisher besten zählen. Dann muss ich aber die schöne Gemeinschaft hinter mir lassen und begebe mich wieder auf den Weg.



Der Morgen ist frisch und hier im Tal zwischen den Bergen hält sich diese Morgenfrische sogar noch länger, als auf den Ebenen. Nach einer Weile treffe ich die Österreicherin Elisabeth wieder und wir laufen nun gemeinsam weiter. Dabei wird das herannahende Galizien landschaftlich immer deutlicher, denn die grünen bewaldeten Wege werden häufiger und die gesamte Landschaft ist sehr ansprechend. Gemeinsam bewältigen Elisabeth und ich den steilen Aufstieg in die Berge, die es nun bis zum O Cebreiro-Pass zu bewältigen gilt. Aber durch die Gespräche merkt man die Anstrengung weniger. Und bei kurzen Pausen kann man sich schnell wieder regenerieren. Hinter La Faba öffnet sich nun die Landschaft vor uns und es bieten sich wunderschöne Blicke in die Täler und auf die Berge.



Mich fasziniert dieser Anblick und wieder macht der Weg richtig viel Spaß. In der Ferne lässt sich auch der Pass schon ausmachen, über den langsam die Wolken fliegen und bisweilen ähnlich Mühe haben, den Berg zu überwinden wie auch wir. Als Elisabeth und ich die Grenze zur Provinz Galizien überschreiten, wird mir klar, dass das Ende des Jakobsweges nun in fast greifbare Nähe gerückt ist. Es sind nun noch ca. 160 km bis nach Santiago und hinter mir liegen nun mehr als 600 km Weg, die ich ausschließlich zu Fuß gegangen bin. Ich erinnere mich noch, wie mir in St-Jean, zu Beginn meines Weges die Zahl 800 so unendlich weit vorgekommen ist und nun scheint es fast unglaublich, dass ich den Großteil dieser Strecke absolviert habe. Mit Galizien steht nun die letzte der spanischen Provinzen an, die ich durchlaufe und ich lasse Kastilien und León hinter mir.


O Cebreiro ist nicht nur ein Pass, sondern auch ein Museumsdorf, in dem man sehen kann, wie ursprünglich in Galizien gelebt wurde. Hier oben stehen noch die typisch galizischen Rundhäuser aus Naturstein mit Retdächern. Auch die Kirche ist so gebaut, beweist aber in ihrem Inneren eine ganz besonders andächtige und feierliche Stimmung. Wären hier nicht so viele Pilger und Touristen, könnte man wieder meinen, in die Vergangenheit zurückversetzt worden zu sein. Nach einem weiteren Frühstück verabschiede ich mich von Elisabeth und laufe weiter, denn vor mir liegt noch ein gutes Stück Weg. Ich habe mir vorgenommen, heute bis zur Herberge in Fonfría zu laufen und da gilt es noch einige Anhöhen zu überwinden.




Von O Cebreiro laufe ich an der Straße entlang und verpasse dabei den eigentlichen Weg, der durch den Wald führt. Irgendwann kreuzen aber Weg und Straße und ich bin wieder richtig unterwegs. Ich hatte den eigentlichen Weg einfach nicht gesehen. Ich laufe weiter und treffe an einem überdimensionierten Pilgerdenkmal auf drei der „Fantastischen Vier“, nämlich Heidi, Anka und Lois. Lili ist wie immer vorneweg gestürzt und wartet wahrscheinlich schon irgendwo. Nach einer kurzen Pause ziehe auch ich weiter und nun geht es immer wieder bergauf und bergab auf Feldwegen, durch winzige galizische Dörfchen, die manchmal eher wie größere Bauernhöfe wirken und ein wenig an das Gallierdorf aus Asterix erinnern. Mit dem Alto de Poio habe ich dann einen richtig steilen Passanstieg vor mir, damit aber auch die wirklich letzte steile Gebirgshöhe vor Santiago bewältigt. Als ich oben ankomme bin ich richtig außer Atem und ringe nach Luft. In einer Bar sitzt Lili, die etwas genervt auf den Rest ihrer Truppe wartet. Ein älterer Einheimischer steht ebenfalls in der Nähe, spricht mich an und zeigt dabei ständig auf meine Bauchtasche und sagt: „Foto.“ Ich verstehe nicht recht, was er will. Will er ein Foto von mir machen oder soll ich ein Foto mit ihm machen lassen? Er bleibt hartnäckig und als ich die Bauchtasche öffne, zeigt er auf meinen Wanderführer. Bald stellt sich heraus, dass sich darin ein Foto von ihm befindet und er zeigt es mir voller Stolz. Daraufhin reiche ich ihm meinen Kugelschreiber und bitte ihn, es zu signieren. Darüber freut er sich sehr und zieht danach seiner Wege. Mit dem Gedanken, wer eben die wahren Prominenten des Lebens sind, ziehe auch ich weiter.


Der Weg nach Fonfría wird beschwerlich; ich bin ziemlich erschöpft und es ist sehr warm. Als ich im Ort ankomme, muss ich leider feststellen, dass die Herberge geschlossen ist. Was für ein Rückschlag! Damit stehen mir nun weitere 2,5 km bis nach O Biduedo bevor, in der Hoffnung, dort eine Herberge oder eine Pension (Casa rural) zu finden. Tatsächlich erreiche ich den Ort bald und bekomme dort ein luxuriöses Zimmer in einer Pension. Das kostet mich zwar 25 € aber ich hätte heute wirklich auch nicht noch weiter gehen können. So kann ich mich hier gut ausruhen und seit einigen Tagen auch mal wieder fernsehen. Währenddessen zieht draußen dichter Nebel auf und es beginnt zu regnen. Dadurch wird es sogar ein bisschen gemütlich hier oben in der Einsamkeit der Berge.

Dienstag, 12. August 2008

Etappe 27: Von Cacabelos nach Ruitelán

Es ist Sonntag, der 19. August 2007.

Die Nacht in der Zweierkabine war sehr ruhig und angenehm. Entsprechend gut ausgeruht kann ich morgens in Cacabelos starten und mich wieder auf den Weg machen. In der Dunkelheit folge ich dabei weitestgehend der Straße nach Villafranca del Bierzo. Im Morgengrauen komme ich in dieser schönen Stadt mit einer Burg und vielen schönen Kirchen an. Da sie von Bergen umgeben ist und sich selbst an diese anschmiegt, wirkt alles sehr malerisch. Hinter Villafranca gibt es angeblich zwei Alternativen, den Weg weiterzugehen: den normalen Camino und den Camino Duro, also den harten Weg, der viele extreme Steigungen und Abstiege an den Berghängen beinhaltet. An sich hatte ich mir vorgenommen, den harten Weg zu gehen (wenn schon, dann richtig und Reserven hätte ich auch noch) aber irgendwie scheine ich den entsprechenden Abzweig verpasst zu haben. Schade! So geht es nun in tiefen Tälern weiter entlang einer kaum befahrenen Straße. Leider ist unser Weg aber sozusagen in Beton gegossen; der Untergrund ist betoniert und in einer abstoßendenen gelben Farbe gestrichen, und rechts schützt uns eine Betonbarrikade vor den Autos. Das ganze trübt das Wegerlebnis ein wenig und dabei könnte es so schön sein, mit den bewaldeten Bergen, die sich links und rechts von uns in die Höhe erheben. Dabei scheint die Sonne nur selten durch Lücken des Bergkammes in das Tal.




Als ich den kleinen Ort Pereje passiere, sehe ich die beiden Engländerinnen aus Molinaseca in einem Cafégarten sitzen und frühstücken. Wir müssen alle lachen und rufen uns nur schnell ein „Good Morning Mr. Darcy!“ in Reminszenz an Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ zu und ich ziehe weiter. Kurz danach treffe ich auf weitere Bekannte von der Insel, nämlich Thomas und Clare, die offenbar gestern doch nicht so weit gelaufen sind, als geplant. Ich freue mich riesig, sie wiederzusehen und wir laufen nun gemeinsam. Clare geht es noch immer nicht gut mit ihrem Knöchel und außerdem hat sie sich den Magen ein wenig verdorben. Ich leihe ihr meinen Wanderstock und biete ihr ein paar homöopathische Pillen gegen die Bauchschmerzen an. Dabei erfahre ich, dass Thomas und Clare beide Ärzte sind. Sie fühlen sich aber nicht durch mein Angebot gekränkt, sondern nehmen es dankbar an. Im nächsten Ort werden dann sogar wieder Wanderstöcke in einem kleinen Laden angeboten und Thomas schlägt hier auch zu. So laufen wir gemeinsam weiter und lernen uns dadurch auch ein wenig besser kennen. Ich empfinde die Anwesenheit der beiden sehr angenehm. Bei unserem Laufen in den Tälern stoßen wir immer wieder auf riesige Betonpfeiler, die eine Autobahn stützen, die uns in etlichen Meter überquert. Entweder die Autobahn ist wenig befahren oder sie ist tatsächlich so hoch, dass man den Verkehr nicht hört. Die Pfeiler wirken dabei wie seltsame Fremdkörper, die so gar nicht in diese Landschaft passen, fast als wären riesige außerirdische Dreibeiner hier gelandet und hätten ihre Füße in die Täler ausgestreckt.




Gegen Mittag erreichen wir den winzigen Ort Ruitelán in den Bergen und hier hatte ich mir vorgenommen, die Herberge anzusteuern. Thomas und Clare entscheiden sich, ebenfalls hier zu bleiben und so warten wir gemeinsam mit ein paar anderen Pilgern auf das Öffnen der Herberge. Es ist ein ganz gemütliches kleines Häuschen. Wir drei werden unter dem Dach schlafen und der Hospitalero Carlos schaut sich auch gleich Clares Knöchel an. Alles ist etwas sehr spirituell angehaucht hier, aber nicht aufdringlich, sondern eher offen, so dass man christliche, esoterische und fernöstliche Elemente von Religiosität findet. Da die Herberge nur einige Pilger aufnimmt, bleibt alles auch sehr übersichtlich und es kommt nach kurzer Zeit eigentlich mehr das Gefühl einer großen WG auf. So lernen wir bald auch eine amerikanische Frau kennen, die zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Sohn unterwegs ist, wobei der Sohn offenbar heftige Probleme mit den Füßen hat. Auch ein französischer Priester, der in Ägypten arbeitet, namens Jean-Jacques ist hier, ebenso wie die Österreicherin Elisabeth und ein Deutscher namens Reinhard. Vor allem bei einem sehr liebevoll angerichteten Abendessen lernen wir uns alle ein wenig näher kennen und es herrscht eine sehr angenehme Atmosphäre. Carlos ist nicht nur ein guter Hospitalero, sondern auch ein guter Koch und ein perfekter Unterhalter, der es versteht, all seine Gäste in die Gemeinschaft einzubinden. Außerdem ist er auch noch Masseur und da auch ich nach wie vor Schmerzen in meinen Schultern habe durch den Rucksack, melde ich mich bei ihm auch für eine Massage an. Auch Thomas und Clare wurden behandelt, halten sich aber danach etwas bedeckt und grinsen nur etwas verschmitzt. Nach dem Abendessen ruft mich Carlos dann in das Behandlungszimmer. Dort erkläre ich dann mit meinen paar Brocken Spanisch mein Problem. Er bittet mich, den Oberkörper frei zu machen und beginnt zunächst meinen Rücken zu masieren und meine Arme immer wieder etwas zu strecken und zu verbiegen. Soweit macht für mich alles noch Sinn und ist auch relativ angenehm. Dann aber beginnt er immer wieder tief zu atmen und zu pusten, als würde er mir den Staub der letzten 600 km vom Leib wegblasen wollen. Ich finde das etwas befremdlich und auch irgendwie unangenehm. Immer wieder streicht er dabei an meinen ausgestreckten Armen vorbei, ohne sie wirklich zu berühren und dann immer wieder dieses Pusten. Manchmal habe ich richtig Angst, er kippt gleich um, weil ihm die Luft wegbleibt, aber er hält wacker durch. Dann fragt er mich, ob es besser sei und ich dummer Esel sage auch noch, dass es mit der rechten Schulter nun besser sei, ich aber links noch immer leichte Schmerzen hätte. Also geht die ganze Prozedur von vorne los, nur diesmal auf der linken Seite und ich könnte mich ohrfeigen, würde er nicht dann auch noch meine Wange behandeln wollen. Warum habe ich auch nicht einfach den Mund gehalten und gesagt, dass alles wieder bestens sei! So geht das dann insgesamt eine geschlagene halbe Stunde und mir wird ganz Angst und Bange, was denn morgen bei der Abrechnung verlangt werden würde. Ich verlasse also das Behandlungszimmer des Dr. Carlos nicht wirklich in entspanntem Zustand, aber immerhin sind die Schmerzen in den Schultern vorerst verschwunden. Allerdings kann ich mir das Schmunzeln der beiden Engländer von vorhin nun doch irgendwie erklären.


(Ein herzlicher Dank an Elisabeth für die Bilder.)

Montag, 11. August 2008

Etappe 26: Von Molinaseca nach Cacabelos

Es ist Samstag, der 18. August 2007.

Aller Komfort und Modernität einer Herberge kann zunichte gemacht werden, wenn es im Zimmer einen Pilger gibt, dem ein Sägewerk implantiert wurde. Ein solches Exemplar hatten wir auch in Molinaseca wieder und seit dem Schnarcher von Los Arcos war es nicht so schlimm gewesen. Nicht nur, dass der Mann alle Bäume der Montes de León abgesägt hat in dieser Nacht, sondern alle anderen im Zimmer waren auch entsprechend genervt und taten dies durch schweres Seufzen, durch Pfeifen oder Stöhnen kund. Gegen so etwas ist man dann schließlich machtlos.

Entsprechend schlecht ausgeruht breche ich dann am nächsten Morgen wieder auf. Als ich so an der Straße entlang komme, passiere ich auch eine weitere Herberge, die auch ein paar Stockbetten im Freien aufgebaut hat. Von diesen Betten höre ich dann ein weiteres lautes Schnarchen und muss beim weiterlaufen grinsen. Ich frage mich, ob dies im Freien weniger störend ist, als in einem geschlossenen Raum.

Der anschließende Weg nach Ponferrada ist wenig spektakulär. Oft geht es an der Straße entlang und kurz vor der Stadt nehme ich eine Alternativroute durch einen verschlafenen Vorort und erreiche die Innenstadt von Ponferrada wenig später. Hier erwachen allmählich die Pilger, die hier übernachtet haben und so finde ich das eine oder andere Mal einen Anhaltspunkt, wo der Weg verläuft. Da die meisten Sehenswürdigkeiten der Stadt ohnehin noch nicht geöffnet haben und ich noch einige Kilometer vor mir habe, gehe ich zügig durch die Stadt. Die große Templerburg, an der ich aber vorbeilaufe, beeindruckt mich sehr. Sie ist geradezu eine Bilderbuchburg, wie man sie aus Märchen oder Historienfilmen kennt. Sie ist sehr groß und strahlt dabei auf ganz besonders eindrückliche Weise die Macht der Tempelritter aus, die diese einmal in dieser Region hatten. Und das, obwohl einige Teile der Burg infolge von Stadtplanungen bereits weggesprengt wurden.



Hinter der Templerburg werden es dann auf einmal deutlich mehr Pilger auf der Strecke und alle bewegen sich wie ein Strom auf dem Jakobsweg durch die Stadt. An vielen Stellen herrscht Unklarheit über den weiteren Verlauf des Weges und an einem besonders großen Kreisverkehr stehen alle, inklusive mir, ratlos und halten nach Hinweisen Ausschau. Glücklicherweise schaut aus einem der Fenster einer Wohnung ein Mann heraus und deutet in eine bestimmte Richtung. Ich treffe auch auf eine junge Frau, die mir die Richtung auf Nachfrage bestätigt und so bin ich in der Lage, den anderen ratlosen Pilgern ebenfalls den Weg zu weisen, so dass sich der Pilgerstrom wieder in Bewegung setzen kann. Danach geht es durch kleine Vororte wieder aus Ponferrada heraus. Auf dem Weg wird mir immer deutlicher, dass wir uns dem Ziel Santiago nähern, denn die Pilgerschar hat sich deutlich vergrößert. Mich stimmt das nun doch auch etwas nachdenklich und die Sorge um Herbergsplätze wächst. Viele scheinen in der Tat ihren Jakobsweg in Ponferrada zu beginnen.
Wenig später komme ich durch einen schönen kleinen Ort, an dessen Beginn ein älterer Mann steht und den vorbeikommenden Pilgern selbst gepflückte Früchte anbietet. Mir drückt er einen Apfel in die Hand und ich freue mich über diese nette Geste. Es geht weiter durch kleine Dörfer, durch Obstplantagen und Weinberge. Unterwegs stoße ich dann wieder auf einige bekannte Gesichter. Unter ihnen sind der Deutsche Ian, den ich in Villar de Mazarife schon einmal in der Herberge gesehen hatte und der richtig polyglott ist. Außerdem treffe ich auch auf Christine aus Neu-Ulm, der ich in Foncebadón begegnet war und auf ein Paar Engländer, Clare und Thomas, die ich ebenfalls schon aus Villar de Mazarife kenne. Ich laufe ein wenig mit ihnen und unsere Gruppe versteht sich recht gut. Clare hat leider Probleme mit ihrem Knöchel, wodurch sie nicht so recht vorankommt. Als wir uns dann Cacabelos nähern, wird deutlich, dass der Rest der Gruppe weniger Zeit hat als ich und somit heute auch weiterlaufen wird. Ich bedaure das, denn ich mochte die Leute sehr und hätte mir gewünscht noch ein wenig mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Da aber mein Zeitbudget so groß ist und es wenig Sinn machen würde, sich zu beeilen, entschließe ich mich, hier in Cacabelos zu bleiben. Die Herberge ist rundherum um eine Kirche gebaut und hat den Vorzug, dass sie über Zweierkabinen verfügt, was einem fast so etwas wie Privatsphäre vermittelt. Vor der Herberge lerne ich einen älteren Pilger kennen, der aus Norwegen kommt und auch schon in Frankreich losgelaufen ist. Zuerst sieht er für mich eher wie ein Penner aus, aber ich entdecke bald, dass er wirklich sehr freundlich und kameradschaftlich ist. Später kommen auch die „Fantastischen Vier“ in der Herberge an und Lili lässt sich natürlich gleich in meine noch nicht vollständig besetzte Zweierkabine versetzen. Ich bin nicht einmal böse darüber, denn von ihr weiß ich wenigstens, dass sie nicht schnarcht. Nach ausgiebiger Mittagsruhe und ein paar Einkäufen in der Stadt gehe ich dann sogar mit den „Fantastischen Vier“ etwas zu Abend essen. Dabei lerne ich sie auch etwas besser kennen und finde schließlich Heidi, die österreichische Lehrerin, Anka, die slowenische Psychologin und Lois, ihren Mann auch gar nicht so unsympathisch. Und so werden auch bei mir ein paar bestehende Vorurteile bzw. Eindrücke an diesem Abend korrigiert.

Sonntag, 10. August 2008

Etappe 25: Von Foncebadón nach Molinaseca

Es ist Freitag, der 17. August 2007.

Kurz nach 6 Uhr mache ich mich auf den Weg und bin dabei nicht der erste. Einige andere Pilger sorgen auch schon für etwas Unruhe und tragen nun dazu bei, dass die Herberge wieder lebendig wird. Ich möchte recht früh starten, um bei Sonnenaufgang am Cruz de Ferro zu sein. Als ich die Herberge verlasse wird mir gleich klar, wie kalt es draußen ist. Aber ich habe mich warm angezogen und bin bereit. Leider verläuft der Weg gleich hinter Foncebadón in einem Feld und in der Dunkelheit bin ich völlig verloren und weiß nicht, wo es jetzt weitergehen soll. Einige Meter vor mir höre ich Schritte, die von einem anderen Pilger stammen. Auch er versucht einen Weg zu finden. Ich laufe weiter und folge auch ein wenig dem Geräusch seiner Schritte, beleuchte dabei aber auch immer die Beschreibung meines Wanderführers. Tatsächlich erreiche ich bald wieder einen Feldweg, der nun weiter in die Berge führt. In voller Erwartung, das Cruz de Ferro bald auf einem Berg zu entdecken wandere ich weiter. Langsam fängt es an zu dämmern aber das Kreuz bleibt noch immer außer Sichtweite. Ich werde nervös, denn bald wird die Sonne aufgehen und so weit kann es doch gar nicht sein. Oder habe ich mich vielleicht verlaufen? Nein, plötzlich und völlig unvermittelt stehe ich vor dem Cruz de Ferro, dem wohl mystischsten Ort des Camino. Meine Erwartung an dieses Kreuz war die eines Gipfelkreuzes und daher bin ich fast ein wenig enttäuscht, als es hier eigentlich eher in einer Senke, umgeben von einer Straße und Wald so plötzlich auftaucht. Es ist ein kleines eisernes Kreuz auf einem langen Holzpfahl der auf einem kleinen Geröllhügel steht. Alles ist sehr simpel, aber in der nun wachsenden Morgendämmerung spüre ich die geheimnisvolle Stimmung dieses Ortes. So genau weiß man nicht, woher dieses Kreuz stammt: war es ein römisches Wegezeichen oder ein Altar für den römischen Gott Merkur der später durch Christen übernommen wurde oder war es ein spanisches Grenzzeichen? Wie auch immer, dieser Ort hat eine ganz seltsame Stimmung. Viele Pilger seit hunderten von Jahren legen hier am Cruz de Ferro einen Stein ab, den sie von zu Hause mitgebracht haben. Es soll symbolisch für das Ablegen einer Seelenlast stehen. Ich wußte vor meiner Abreise nichts von diesem Ort und habe daher auch keinen Stein mitgenommen. Und als ich davon erfuhr, fand ich es unangebracht, irgendwo einen Stein aufzulesen um ihn dann hier abzulegen nur der Tradition wegen. Nun aber, da ich vor diesem Pfahl mit dem Kreuz stehe, in der Kälte dieses Morgens, umgeben von Dunkelheit und dem heranbrechenden Tageslicht, wird mir klar, dass es hier nicht nur um Tradition geht. Es geht hier um die Kraft der Erlösung, etwas Belastendes, das unser Denken, Fühlen und unsere Wahrnehmung im Leben blockiert, eine Schuld oder eine Erfahrung hier loszuwerden. Der Stein symbolisiert dies nur, viel wichtiger ist es, dies ganz persönlich und gedanklich, vielleicht verbunden mit einem Gebet, hier abzulegen und tatsächlich zurück zu lassen. Es ist dann mit Verlassen dieses Ortes weg, so wie die Sünde verschwunden ist, wenn sie uns von Christus vergeben ist. Es mag überzogen klingen, aber damit kann ein solcher Ort, wie das Cruz de Ferro für einen Moment zu einem ganz persönlichen Mittelpunkt der Welt werden. Ich verbringe dank dieser Erkenntnis auch eine ganze Weile vor dem Kreuz und lege schließlich aus Überzeugung einen kleinen Stein ab, den ich seit Jahren an meiner Halskette getragen habe. Es fällt mir schwer ihn hier zurückzulassen und doch fühle ich mich befreit, als ich das Cruz de Ferro im Sonnenaufgang wieder verlasse.



Der nun folgende Abschnitt des Weges ist einer der schönsten des gesamten Weges. Auf angenehmen Waldpfaden geht es durch die Montes de León. Die Sonne scheint, es ist angenehm still und der Blick in die Berge ist fantastisch. Überall erhebt sich das Gebirge und ist scheinbar mit einem samtenen Teppich überzogen. Dieser Anblick lässt mein Herz förmlich hüpfen und genau in diesem Moment macht der Jakobsweg riesigen Spaß. In der Ferne kann ich schon die Stadt Ponferrada erkennen, aber die Natur hier um mich herum gefällt mir viel besser.



Nach einem steinigen und steilen Abstieg erreiche ich den kleinen Ort El Acebo und benutze die Gelegenheit für ein weiteres spanisches Frühstück. Danach geht es weiter in Richtung Molinaseca an teils steinigen, teils grünen Berghängen hinab. An manchen Stellen kann man dabei noch die Folgen von Waldbränden erkennen.


Als ich Molinaseca erreiche, erkenne ich an einigen Schildern, dass derzeit die Fiesta del Agua im Gange ist, also eine riesige Wasserschlacht. Einige der Jugendlichen stehen mit Wassereimern an einer Brücke, die ich überqueren muss und ich befürchte schon, dass ich eines ihrer Opfer werden könnte. Scheinbar gehört es nämlich dazu, sich gegenseitig mit einem Eimer Wasser zu übergiessen. Naja, duschen möchte ich ja eh, daher wäre das nicht so problematisch. Ich habe aber eher Angst um meine Ausrüstung. Die Jungen lassen mich aber ohne Erfrischung passieren. Hingegen sieht man in den Straßen überall Pfützen und nasse Flecken, die auf eine lange und intensive Nacht hindeuten. Als ich so durch die Straßen der gemütlichen kleinen Stadt laufe, kommt mir ein Traktor mit Anhänger entgegen, auf dem einige Leute stehen und laut rufen. Mehrfach halten sie und Leute kommen mit Schüsseln, Tassen und ähnlichen Gefäßen heraus und lassen sie sich befüllen. Als mich die Prozession erreicht, rieche und merke ich, dass diese Leute Kakao verteilen und freue mich sehr, als mich die Leute auf dem Anhänger sehr freundlich begrüßen und mir einen Plastikbecher mit leckerem warmen Kakao reichen, der zweifellos in mühevoller Arbeit selbst gekocht wurde. Was für ein netter Empfang! Wenig später, etwas am Ortsausgang, finde ich eine Herberge, die sehr neu und modern zu sein scheint. Da sie noch nicht geöffnet ist, setze ich mich auf eine Bank davor. Schon wenige Minuten später kommt der Hospitalero Feliz und lässt mich ein. Er ist sehr nett und zeigt mir alles. Dabei erklärt er mir, dass diese Herberge erst seit zwei Monaten existiert und entsprechend neu und unverbraucht ist alles. Es gibt keine Stockbetten, alles ist sehr sauber, die Duschen sind sehr modern. Ich freue mich, wieder so gut untergekommen zu sein und ruhe mich schließlich ein wenig aus. Später kommen andere Pilger an, zu denen auch die „Fantastischen Vier“ gehören. So bezeichne ich mittlerweile Lili, Heidi und die beiden Slowenen. Wie sich herausstellt, ist ihre Gesellschaft hier aber gar nicht so unangenehm. Mit Lili gehe ich später sogar noch in die Stadt um etwas zu essen und einzukaufen. Die anderen drei sehe ich nur selten. In unserem Zimmer sind auch zwei junge Engländerinnen untergebracht, von denen eine gerade Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ liest. Ich erinnere mich an die alte BBC-Verfilmung des Buches und Lili hat den kürzlich erschienenen Kinofilm gesehen und so frischen wir alle unsere Erinnerungen an das Buch wieder auf und haben dabei eine Menge Spaß. Als wir schließlich schlafen gehen, zeugen laute Feuerwerksböller in der Stadt von der sich fortsetzenden Fiesta. Das aber wird nicht die einzige Unruhe der Nacht sein.