Dienstag, 5. August 2008

Etappe 20: Von Bercianos del Real Camino nach Puente Villarente

Es ist Sonntag, der 12. August 2007.

Gegen 6 Uhr breche ich wieder auf, nachdem es mir gelungen ist, schnell in das Badezimmer zu kommen, um mir wenigstens die Zähne zu putzen, bevor all die anderen Pilger aufstehen und auch ins Bad gehen. Es ist noch immer dunkel, als ich aufbreche, aber die Gefahr sich zu verlaufen ist gering, denn mit mir sind diesmal viele Pilger unserer Herberge auch schon unterwegs. Ich komme jedoch nicht so gut voran, denn ich habe wieder schlimme Schmerzen im linken Fuß. Heute stehen ca. 26 km bis Mansilla de las Mulas an, aber der Gedanke, dort wieder mit mindestens 70 anderen Pilgern die Herberge zu teilen, gibt mir zu denken. Insbesondere stört mich, dass ich jetzt scheinbar in eine italienische Welle hineingeraten bin: immer wieder tauchen ganze Gruppen von Italienern auf, die sich entweder total machomäßig oder wie kleine Kinder aufführen. Dabei scheinen die auch nicht allein sein zu können, ohne gleich an Heimweh nach Bella Italia zu sterben. Aber andere sind auch ganz nett und die sehe ich dann auch gern wieder. Also im Grunde gefällt mir der Gedanke nicht so ganz, in Mansilla wieder in dieser Welle mitzuschwimmen.

Bald erreichen wir El Burgo Ranero, einen kleinen Ort inmitten dieser scheinbar endlos flachen und unbewohnten Gegend. Weit und breit nur Ebene mit buchstäblich nichts. Nicht einmal Felder sind hier, oft nur Dreck. Hinter El Burgo Ranero wird es dann ganz hart. Über drei Stunden lang zieht sich der Weg nahezu schnurgerade durch das Land und dabei gibt es keine Abwechslung. Weit vor mir wandern ein paar Pilger und ab und zu fährt ein Auto auf der kleinen Landstraße neben dem Weg als Abwechslung entlang. Später tauchen wenigstens ein paar Maisfelder auf. Diese Strecke ist aufgrund der Leere eine unglaubliche Herausforderung für den Kopf. Man ist hier tatsächlich ganz mit sich allein, doch überträgt sich die Leere des Landes auch irgendwie auf den Kopf und bald fühle ich mich auch geistig ganz leer. Hinzu kommt, dass es morgens um 8:30 Uhr bereits sehr warm ist. Kurz vor Reliegos treffe ich auf den jungen Felix, ein Deutscher, der mit seiner Oma unterwegs ist, die aber etwas langsamer läuft und daher nicht bei ihm ist. Ich kenne die beiden, denn in der netten Herberge in Pamplona sind wir uns schon kurz beim Frühstück begegnet. Unglaublich, ich hätte nicht gedacht, jetzt noch jemanden aus den frühen Etappen wiederzutreffen. Felix und ich laufen ein wenig zusammen und unterhalten uns. Bei einer Rast zeigt er mir, dass er überall an den Armen komische Flecken hat und meiner Meinung nach sieht es aus, als sei er das Opfer von Flöhen geworden. Ich rate ihm, in der nächsten Herberge unbedingt seinen Schlafsack im Freien auszuschütteln oder ihn gar in einem Trockner durchheizen zu lassen. Es sieht wirklich übel aus und ist nach dem Koreaner von Belorado nun schon der mir zweite bekannte Fall von Flöhen in Herbergen. Als ich dann so mit Felix laufe, kommt uns ein Wagen entgegen, der kurz vor uns stoppt und ein Mann steigt aus und kommt auf uns zu. Er gibt uns Flyer, die uns darüber informieren, dass es in Puente Villarente, kurz vor León, eine neue Herberge gibt, die offenbar sehr gut ausgestattet ist. Noch sind wir nicht einmal in Reliegos und bis Mansilla ist es noch ein ziemliches Stück Weg, aber in mir wächst die Hoffnung, dass ich es vielleicht doch heute noch bis Puente Villarente schaffe um der besagten Welle zu entgehen und um morgen einen kürzeren Weg nach León zu haben.

Als wir endlich Reliegos erreichen, ist der Streckenabschnitt der Leere hinter uns und es kehrt wieder eine willkommene Abwechslung in den Wegverlauf und die Landschaft ein. Felix und ich laufen noch bis Mansilla weiter und erreichen die dortige Herberge gegen Mittag. Diese würde aber erst um 14 Uhr öffnen und ich spüre, dass ich doch noch einige Reserven habe. Auch ist die Erfahrung der „Flüchtlingslager-Herberge“ von gestern noch zu frisch und somit entscheide ich mich, weiterzulaufen. Da Felix sich aber mit seiner Oma in Mansilla verabredet hat, bleibt er zurück. Die Stadt Mansilla und auch die dortige Herberge machen einen gemütlichen und auch lebhaften Eindruck, so dass es mir fast doch etwas leid tut, weiterzuziehen. Der Weg danach bis nach Puente Villarente ist hart. In der prallen Mittagssonne neben einer stark befahrenen Hauptstraße geht es weiter. Als ich dann im Ort ankomme, erblicke ich eine kleine Herberge am Straßenrand. In der Meinung, es sei die auf dem Flyer gehe ich zu ihr, aber sie scheint verlassen zu sein, wenngleich es ein ganz neues und angenehmes Gebäude ist. Plötzlich ruft mich eine ältere Frau aus einem naheglegenen Hinterhof und fragt auf Spanisch ob ich ein Bett suche. Ich bejahe und sie verschwindet im Haus, um wohl ihren Sohn zu holen. Der nette spanische Herr begrüßt mich freundlich und lässt mich ein. Ich bin überwältigt, denn die Herberge ist gemütlich und ganz neu eingerichtet, alles ist sehr sauber und modern. Und ich bin der einzige Gast und die Übernachtung kostet nur 6 Euro. Bis weit in den Nachmittag hinein bleibe ich der einzige Pilger hier und erst dann stoßen noch zwei freundliche Radfahrer dazu, die aber in einem anderen Zimmer untergebracht werden. Es ist fantastisch und solch ein Kontrast zum gestrigen Tag: heute bin ich in einer hotelähnlichen Unterkunft mit Einzelzimmer. Ich genieße die Ruhe und bereue es nicht, heute wieder einmal 32 km gelaufen zu sein, denn dafür bleiben mir morgen nur noch ca. 20 km bis nach León.

Montag, 4. August 2008

Etappe 19: Von Lédigos nach Bercianos del Real Camino

Es ist Samstag, der 11. August 2007

Nach einer weiteren ruhigen Nacht breche ich morgens wieder in der Dunkelheit auf. Vor mir liegen heute 27 km bis Bercianos del Real Camino. Leider wartet beim Aufbruch Lili schon auf mich in der Erwartung, mir damit wohl einen Gefallen zu tun. Ich bin nicht wirklich begeistert. Als wir uns dann wieder in die Ebene begeben und uns dabei die Dunkelheit wieder ganz umhüllt, fällt mir erneut der wunderschöne Sternenhimmel auf. Über uns thronen die Sternenbilder des Orion und des Großen Wagen. Auch der Mond scheint in einer ganz dünnen Sichel, jedoch wird er so angestrahlt, dass auch der Rest des Mondes blass sichtbar ist. Das ist wieder ein faszinierender Anblick und ich finde es schade, dies nicht einfach so im Foto festhalten zu können. Kurz hinter Lédigos trenne ich mich von Lili und bin darüber durchaus froh. Ihre Art ist mir einfach unsympathisch und mir fehlt die Konzentration auf den Weg und die Landschaft wenn sie dabei ist. Außerdem habe ich auch erfahren, dass sie aufgrund ihres schnellen Schrittes immer die Pilgerpässe der ihr bekannten Österreicherin und eines slowenischen Ehepaares, das sie unterwegs kennengelernt haben, mitnimmt um dann am vereinbarten Ort Herbergsplätze zu reservieren. So ein Verhalten finde ich absolut unfair und möchte damit auch nichts zu tun haben. Ich bin also froh, als ich endlich wieder allein unterwegs sein kann. Es ist aber auch wundersam, denn noch vor ein paar Tagen fiel mir der Abschied von meinen Freunden in Burgos so schwer und ich hatte mich nach Gesellschaft gesehnt. Ich bemerke auch, dass ich im Umgang mit Lili sehr vorsichtig bin, denn ich möchte sie auch nicht verletzen mit einer zu schroffen Art. Das tue ich wahrscheinlich weniger aus Rücksicht auf sie, sondern vielmehr aus der Erfahrung heraus, doch einmal in eine Notsituation zu kommen und dann jede Hilfe dankbar annehmen zu können. Das ist leider sehr opportunistisch und irgendwie ärgere ich mich da auch über mich selbst.

Bei meinem Wandern durch die immer noch monotone Landschaft der Mesetas habe ich nun wieder mehr Zeit zur inneren Reflexion. Während ich nun an Terradillos de los Templarios und an San Nicolás del Real Camino vorbeiziehe, kommen mir Gedanken über die vielen Pilger auf dem Weg, das damit verbundene Angstgefühl einmal vielleicht keinen Herbergsplatz mehr zu bekommen, die Blasen an meinen Füßen und das Ziel Santiago. Ich denke zurück an das Erlebte und Erreichte. Immerhin habe ich nun bereits mehr als 400 km zu Fuß zurückgelegt, das heißt mehr als die Hälfte des Weges bis nach Santiago ist schon geschafft. Im Inneren kann ich die Eintönigkeit des Laufens und der Umgebung nutzen, um mit Gott zu sprechen. Dieser Weg sollte immer ein bewusster Weg mit Gott sein und heute geht es mal um Vertrauen und Kontrolle. Wie oft – auch auf diesem Weg – versuche ich die Kontrolle zu behalten, alles genau zu planen und blende Gott dabei aus! Dabei kann es so befreiend sein, ihm zu vertrauen und sich über den Segen zu freuen, den ich dadurch erfahre. Wie oft hat mich Gott auch hier schon bewahrt – vor ernsteren Verletzungen, vor Hunger und Durst, vor bösen Menschen, wilden Hunden und vor allem in der Not, als ich kein Geld mehr hatte. Dabei bedarf es manchmal nur eines „leap of faith“ also eines Sprunges des Glaubens und Vertrauens ohne sich groß den Kopf zu zerbrechen. Ist es nicht gerade das, was den Glauben ausmacht – sich einfach auch einmal fallen zu lassen und fest darauf zu vertrauen, dass Gott nur das Beste mit uns im Sinn hat? Oft ist es leichter gesagt, als getan aber die Möglichkeiten bieten sich immer wieder.

Ich nähere mich am späten Vormittag der nächsten größeren Stadt Sahagún. Die wirkt in dieser Landschaft mit all ihrer Trockenheit wie eine Stadt aus einem Western. Ich gönne mir hier wieder einen Kaffee und ein Gebäckteilchen als Wegstärkung. Vorher treffe ich noch auf Steffen, einen der drei Deutschen, die ich in Carrion kennengelernt hatte. Er ist weiter mit den beiden anderen unterwegs. Auch Lili treffe ich hier zusammen mit ihren Begleitern wieder, aber sie entscheiden sich, woanders etwas essen zu gehen.

Nach erfolgter Stärkung breche ich wieder auf. Mit dem herannahenden Mittag wird es wieder schrecklich warm. Zunächst noch spenden einige Bäume etwas Schatten auf dem Weg, aber mir wird das Laufen zunehmend schwerer. Ich kann es bald nicht mehr erwarten, endlich in die Herberge zu kommen. Als ich Bercianos erreiche, glüht die Sonne erbarmungslos in das kleine Nest und es scheint beinahe verlassen zu sein. Als ich an der Herberge ankomme zeigt diese sich als scheinbar baufällige alte Bruchbude, die überdies auch noch geschlossen ist und erst gegen 14 Uhr öffnet. Draußen warten aber bereits einige Pilger und ich geselle mich zu ihnen. Unter den Wartenden ist auch der Deutsche Steffen, dessen beiden Kameraden beschlossen haben, noch weiter zu laufen. Der Hospitalero ist ein älterer Mann, der sicher in der Herberge ist und weiß, dass draußen schon einige warten, aber er findet nicht die Gnade, sein Haus schon ein wenig früher zu öffnen. So füllt sich der Platz zunehmend mit Pilgern und als sich die Pforte öffnet strömen alle zum Haus. Es herrscht Gedränge und dabei fällt mir auf, dass sich Lili mit ihrer Begleitung schon ziemlich weit nach vorne gearbeitet haben, obwohl sie viel später angekommen waren, als andere Pilger. Es zeigt sich also auch hier, dass die (Un)Gerechtigkeit dieser Welt ihre Kraft besitzt. Da jeder Pilger erst seine Personalien für die Statistik hinterlassen muss und seinen Stempel in den Pilgerpass bekommt, zieht sich das Warten in der prallen Sonne lange hin. Danach kommt der Schock: die Herberge entspricht auch im Inneren dem Eindruck, den sie von außen machte. Es stehen einige Betten aufgestellt, eher Liegen, die furchtbar knarren und deren Matratzen in schlechtem Zustand und durchgelegen sind. Als alle Liegen belegt sind (ich hatte Glück und habe noch eine bekommen) werden die Betten noch soweit zusammengestellt, dass kaum noch Platz zum Vorbeilaufen ist, um Matten für weitere Pilger auszulegen. Alle sind furchtbar erschöpft und müde, aber der Kampf um die Duschen setzt trotzdem ein. Mit den Matten sind nun bestimmt an die 90 Leute in der Herberge und für alle gibt es ganze zwei Duschen jeweils für Damen und Herren. Es hat also keinen Sinn, die Schlange die erst vor der Herberge war, steht nun vor den Duschen. Ich finde es einfach nur schrecklich und stelle mir so ein Flüchtlingslager vor. Zudem war der Hospitalero auch ein grober Klotz, der die Leute nur angefahren hat und wenig Freundlichkeit übrig hatte. Am Abend wird allerdings doch noch ein Pilgeressen gekocht, das zwar bescheiden ist, aber dennoch gut schmeckt und alle ein wenig zusammen wachsen lässt. Allerdings herrscht nun aufgrund der überfüllten Herberge und der Hitze eine unerträgliche Luft in den Schlafräumen. Dies wird auch durch das herannahende schwere Gewitter, mit dem wir einschlafen, nicht sehr verbessert. Dies ist mit Abstand die schlimmste Herberge, die ich bisher erlebt habe.

Sonntag, 3. August 2008

Etappe 18: Von Carrion de los Condes nach Lédigos

Es ist Freitag der 10. August 2007.

Die Nacht in der Klosterherberge war angenehm ruhig. Trotz voller Belegung hat niemand geschnarcht, es war nicht kalt und auch nicht zu warm. Früh am morgen brechen ein paar Radpilger auf und durchleuchten wieder mit ihren Halogen-Strahlern auf dem Kopf den ganzen kleinen Raum, so dass auch ich wach werde. Gegen 6 Uhr mache ich mich dann auch auf den Weg. In Carrion selbst muss ich noch sehr aufpassen, um den Weg nicht zu verlieren, denn die gelben Pfeile sind nur schlecht vorhanden oder zu erkennen. Aber schon bald nach Verlassen der Stadt bin ich wieder ziemlich allein auf dem Weg durch die morgendliche Landschaft. Ich laufe gemütlich, denn für heute habe ich mir nur 25 km vorgenommen und möchte bis nach Lédigos gehen. Die gestrige Etappe steckt mir doch noch ziemlich in den Beinen. Nach gut einer Stunde komme ich an der Ruine einer alten Abtei vorbei und wenig später überfliegt mich ein Schwarm von bestimmt 20 Störchen. Was für ein imposanter und majestätischer Anblick. Bisher hatte ich mich schon immer gefreut, ein paar Störche auf Kirchtürmen zu sehen oder mal einen im Feld, aber nun von so vielen dieser schönen Vögel überflogen zu werden hinterlässt schon einen besonderen Eindruck bei mir. Es sind genau diese Erlebnisse, die den Weg so wundervoll machen, denn hier hat man Zeit und Ruhe diese Dinge bewusst wahrzunehmen, ihre Schönheit zu erkennen und daraus auch die Kraft zu nehmen um die noch bevorstehende Strecke zu bewältigen. Während ich also so darüber nachdenke und mich freue, erreiche ich einen besonderen Abschnitt der heutigen Etappe: die Via Aquitana. Auf den nächsten knapp 15 km werde ich diese alte Römerstraße begehen, die es nun in mehr oder weniger veränderter Form hier schon seit gut 2000 Jahren gibt. Was für ein Gefühl, gerade für mich, einen Historiker. Ich kann nicht umhin zu sagen, dass ich mich auf diesen Wegabschnitt besonders freue. Ich stelle mir vor, wie vor hunderten von Jahren römische Soldaten hier entlang marschierten, Karren mit Waren entlanggezogen wurden und diese Straße das gigantische Römische Reich durchzog. Ein Wegstein markiert den Anfang und nicht nur der Blick zurück zu den alten Römern geht mir durch den Kopf, sondern auch der Gedanke, dass seither sicher unzählige Pilger diesen Weg in Richtung Santiago und vielleicht auch zurück gegangen sind. Es ist eben wie die Sternenlichter der Milchstraße, jeder Pilger hat vielleicht ein Lichtlein angezündet auf seinem Weg nach Santiago und ich darf nun auch einer davon sein.

Scheinbar endlos und teilweise schnurgerade zieht sich die Via Aquitana durch die flache Landschaft. Nur wenige Bäume am Rand versperren manchmal die Sicht in die Ebene, die weitgehend aus Getreidefeldern und ein paar Sonnenblumenfeldern besteht. Hier scheint in der Tat die Zeit stehen geblieben zu sein; es wirkt fast wie ein gigantisches Freiluftmuseum. Nach circa zwei Kilometern spüre ich auch die Härte dieses Ortes. Der Weg ist leider mit Geröllsteinen übersät und sie liegen so dicht beieinander, dass man nicht ausweichen kann. Die Begeisterung beginnt langsam zu schwinden, was auch der dauernden Monotonie dieser schnurgeraden Strecke zu schulden ist. Bald schon spüre ich jeden spitzen Stein unter meinen Füßen, trotz der Wanderstiefel. Es ist zwar am Morgen nicht heiß, aber die Via Aquitana hat aufgrund ihrer Beschaffenheit ihre ganz eigenen Herausforderungen. Es sind nun auch mehr Pilger unterwegs und sie verteilen sich wie kleine farbige Punkte auf dieser Linie im Land. Bei mir kommt Hunger auf, die Füße schmerzen wieder und schon bald ertappe ich mich bei dem Gedanken: 'Scheiß Römerstraße!' Nach spätestens drei Kilometern habe ich wirklich die Nase voll und denke mir, dass wahrscheinlich jeder Pilger hier auch einen Stein hinterlassen hat, um es den Nachkommenden ein wenig schwerer zu machen. Endlich kommt eine improvisierte Raststation in Sicht und der warme Kaffee und das süße Teilchen, was ich mir dort zum Frühstück gönne, lassen den aufgekommenen Frust vorerst vergessen. Aber es stehen ja noch mindestens weitere zehn Kilometer auf diesem Schotterweg an!

Es hilft nichts, es gibt hier keine Alternative. Und so lasse ich mich weiter von den Römern traktieren bis ich am Vormittag endlich Calzadilla de la Cueza erreiche und die Via Aquitana verlassen kann. Hier stößt eine junge Deutsche namens Lili zu mir. Ich hatte sie schon früher auf der Etappe nach Obanas kurz getroffen und gestern in Carrion zusammen mit einer Österreicherin, die ich auch schon kannte, plötzlich wiedergetroffen. Lili hat gerade ihr Abitur gemacht und hängt sich nun an mich heran. An sich freue ich mich, wieder etwas Gesellschaft zu haben, doch auf dem noch verbleibenden Weg nach Lédigos merke ich, dass sie doch recht gewöhnungsbedürftig ist. Sie redet nahezu unentwegt – was ihr manchmal die Luft zum Gehen zu nehmen scheint – und ist dabei irgendwie furchtbar von sich überzeugt. Dabei strahlt sie einen gewissen Ehrgeiz aus, den ich eher bedrückend empfinde und damit wird die Gesellschaft leider weniger angenehm. Schon immer empfand ich Menschen, die so ehrgeizig sind, dass sie anderen Menschen um sich herum den Raum zum Leben nehmen als irgendwie bedrohlich. Oft entsteht dabei eine Konkurrenzhaltung in die man hineingezwungen wird, ohne es tatsächlich selbst zu wollen. Allerdings habe ich nicht den Mut, ihr meine Meinung diesbezüglich klar und offen zu sagen und denke mir, dass ich sie vielleicht morgen auch wieder irgendwie los bin. Schon gegen Mittag erreichen wir Lédigos und suchen die dortige Herberge auf. Wir sind die ersten Besucher und können uns damit beim Duschen, Wäschewaschen und Einkaufen völlig unbedrängt Zeit lassen. Während der anschließenden Mittagsruhe treffen dann auch andere Pilger ein und bis zum Abend wird es eine ganz angenehme Runde, wobei diese Herberge nicht ausgelastet ist und alles sehr entspannt zugeht.

Samstag, 2. August 2008

Etappe 17: Von Itero de la Vega nach Carrion de los Condes

Es ist Donnerstag der 9. August 2007.

Nach einer unruhigen Nacht breche ich als einer der ersten morgens um 5:30 Uhr wieder auf. In der Nacht hat über mir ein frankophoner älterer Kanadier geschlafen, dem offenbar das gestrige Pilgermenü nicht gut bekommen ist. Immer wieder stand er nachts auf, rannte aus unserem Zimmer nach unten zur Toilette und musste sich übergeben. Mir schien, er habe es ein oder zwei Mal auch nicht ganz bis dahin geschafft und irgendwann wurde davon wohl auch die Herbergsmutter wach. Ich konnte daher nicht wirklich schlafen, denn einerseits herrschte dadurch beständige Unruhe und andererseits hatte ich befürchtet, er könnte es einmal vielleicht nicht bis aus dem Zimmer oder aus dem Bett schaffen. Dem war aber nicht so; dennoch es schien ihm furchtbar schlecht zu gehen, denn immer wieder stöhnte er wenn eine neue Welle der Übelkeit kam. Irgendwann bin ich dann aufgestanden und habe ihm mit meinen wenigen Fetzen Französisch angeboten, in meinem Bett zu schlafen, damit er nicht ständig hoch und runter klettern müsse, aber er hat dankend abgelehnt. Als ich dann morgens aufbreche, bin ich irgendwie froh, wieder auf dem Weg zu sein.

In völliger Dunkelheit verlasse ich Itero de la Vega und sobald ich den kleinen Ort verlassen habe und kein Straßenlicht den Weg mehr erhellt, ist wieder dieses seltsame Gefühl mit mir unterwegs: ein Gefühl, das irgendwo zwischen einem unwillkommenen Verlassensein auf weiter Flur und der dadurch resultierenden innigen Verbundenheit mit dem Pilgerweg, Gott und mit mir selbst liegt. Inmitten von riesigen Maisfeldern laufe ich auf einem langgestreckten Feldweg in Richtung Boadillo del Camino. Ich bin doch etwas vorsichtig, denn in der Dunkelheit sehe ich nirgendwo gelbe Pfeile und immer wieder kreuzen andere Feldwege, die in mir Unsicherheit auslösen. Meine Taschenlampe macht leider auch nicht so viel Licht, um aufgemalte Pfeile auf Steinen oder Ähnliches zu erkennen. Allerdings wird diese leichte Beklommenheit enorm gemildert durch den grandiosen Blick, den ich in den Sternenhimmel habe. Über mir leuchten Tausende von Sternen und die Milchstraße ist sehr gut zu erkennen. Mir scheint es fast, als weise sie mir den Weg nach Santiago zum Sternenfeld. Ein solcher Anblick regt zwangsläufig zum Nachdenken an; hier unten laufe ich kleiner Pilger und über mir zündet der Himmel unzählige Lichtlein an und spendet dadurch Hoffnung und Zuversicht. In dieser Gewissheit fühle ich mich dann auch nicht mehr so allein.

Nach einigen Stunden erreiche ich in der einsetzenden Morgendämmerung Boadillo del Camino. Der Ort ist völlig verschlafen und ich mache an einem Brunnen eine kleine Pause. Plötzlich kommen zwei Hunde angelaufen und kommen direkt zu mir. Für einen Moment habe ich doch ein wenig Angst, aber die beiden schauen mich nur kurz an und ziehen dann weiter. Ich tue es ihnen gleich (erst nachdem sie ein wenig Abstand gewonnen haben, gebe ich zu) und durchquere den Ort, bevor es dann wieder auf einem steinigen Weg weitergeht. Wenig später treffe ich auf den Canal de Castilla, einen Kanal, der so ruhig und andächtig daliegt, dass er nahezu meditative Wirkung hat. Dankenswerterweise geht der Weg nun bis Fromista immer an diesem Kanal entlang und die Nähe des Wasser strahlt eine angenehme Ruhe aus. Fast fühle ich mich sogar ein wenig wie in Holland, wo ich ähnliche Landschaften kenne. Die Sonne strahlt über dem stillen Gewässer und alles wirkt wieder ganz perfekt.


Nachdem ich den Kanal kurz vor Fromista wieder verlassen muss, kehre ich in der Stadt zum Frühstück ein. Sonst halte ich mich nicht länger in der Stadt auf und ziehe weiter. Leider ist der nun folgende Abschnitt bis Población de Campos nicht schön, denn der Weg zieht sich steinig gleich neben der Straße her und die Sonne beginnt nun im herannahenden Mittag immer heißer zu werden. In Población aber bietet mein Wanderführer die Möglichkeit an, einen Alternativweg zu wählen, der nicht an der Straße entlang führt und so entscheide ich mich für diesen. Viel angenehmer geht es nun wieder durch Felder, entlang von plätschernden Bewässerungsrinnen, die die Pflanzen mit dem nötigen Wasser versorgen. Es sind hier nur sehr wenige Pilger unterwegs aber in der Ferne erkenne ich, wie sich ein kleiner Transporter auf dem Weg langsam nähert. Als mich der Wagen erreicht, grüße ich den älteren Herrn hinterm Steuer freundlich. Er stoppt den Wagen, reicht mir einen Lutscher und nimmt meine Hand. Er drückt sie fest und schaut mir dabei tief in die Augen und sagt: „Buen Camino.“ Ich bedanke mich und langsam fährt er weiter. Dieses Erlebnis beeindruckt mich sehr. Es drückte soviel Würde und Respekt aus, wie ich es bisher auf dem Weg noch nicht erfahren habe. Es ist mir fast unangenehm und peinlich, wie dieser Mann mir, einem nicht ganz frisch aussehenden jungen Pilger Achtung entgegen gebracht hat. Eine wirklich denkwürdige Erinnerung.

Als ich in Villovieco wieder auf den ursprünglichen Weg zurückkomme, bemerke ich gerade als ich den Eingang eines Hauses passiere, wie sich ein dort stehender Mann ebenfalls fast verbeugt und mir einen guten Weg wünscht. Auch davon bin ich beeindruckt und führe diese netten Gesten darauf zurück, dass hier der Jakobsweg und die ihn beschreitenden Pilger wohl in der Tat noch die hohe Wertschätzung und Ehre genießen, von der ich im Vorfeld schon vereinzelt gehört hatte.

Von nun an aber wird es ganz hart. In der prallen Mittagssonne stehen mir noch 10 km bis Carrion de los Condes bevor und der Weg führt nun nahezu endlos geradeaus an der Straße entlang. Hinzu kommt, dass sich Weg und Straße zum Teil in einem Kanal befinden, der links und recht durch aufgeschüttete Erde gebildet hat, so dass die Hitze hier wirklich unerträglich ist. Auch sind die Steine des Weges gleißend weiß und die Tatsache, dass die Stadt – das ersehnte Ziel – zwar irgendwann in der Ferne sichtbar wird, aber nicht wirklich näher kommen will, raubt mir die Nerven. Völlig erschöpft und entkräftet komme ich schließlich in der Nachmittagshitze an. Nach diesen 34 km der heutigen Etappe habe ich meine Grenzen deutlich erkannt. Und dabei habe ich auch einiges riskiert, denn an meinen Füßen gibt es neue Blasen, die ich behandeln muss. Ich komme in einem Kloster des Klarissenordens unter, was wieder sehr schön ist, denn es herrscht himmlische Ruhe und die Betten und Duschen sind sehr gut.

Obwohl ich völlig fertig bin und eigentlich nie wieder aus meinem Bett aufstehen möchte, gehe ich am späten Nachmittag doch in die Stadt und kaufe ein wenig ein. In einem Café ruhe ich mich ein wenig aus und treffe dabei auf drei junge Deutsche, die mich zu sich an den Tisch bitten. Die drei sind alle ganz nett, wenngleich ich im Gespräch mit ihnen bemerke, dass es eben auch profanere Motive gibt, auf dem Jakobsweg zu wandern – eben aus sportlichem Ehrgeiz und um hübsche junge Damen kennenzulernen bzw. um nach getaner Wanderarbeit ordentlich einen hinter die Binde zu kippen. Nichts für mich, soviel steht fest. Und somit bricht auch bald für mich der Abend an und ich begebe mich zur Ruhe.

Donnerstag, 15. Mai 2008

Etappe 16: Von Hornillos del Camino nach Itero de la Vega

Es ist Mittwoch der 8. August 2007.

Nach einer ruhigen aber kühlen Nacht mache ich mich nahezu als erster unserer Herberge gegen 6 Uhr auf den Weg durch die noch finsteren Mesetas. Im Ort selbst erhellt noch die ein oder andere Laterne den Weg doch schon bald ist es zwischen den weiten Ebenen sehr finster und aufgrund der Stille auch etwas unheimlich. Es scheint nur mich, den Weg, eine leichte Brise und endlose Finsternis auf der Welt zu geben und weit und breit kein Mensch und keine Zivilisation. Die Sterne scheinen über mir und spenden als einzige ein wenig Licht. Immerhin kann ich den Weg nicht verfehlen, denn hier gibt es nur einen Weg. Für einen Moment denke ich daran, die Musik auf meinem Handy ein wenig spielen zu lassen, denn dies würde mich beim Laufen motivieren und Pilger, die es stören könnte, scheint es ja jetzt noch nicht zu geben. Ich lasse es aber und lausche stattdessen der Stille. In der Ferne kann ich auf einmal einen Umriss ausmachen und bald wird klar, dass sich wohl doch schon ein Pilger vor mir auf den Weg gemacht hat. Da ich zügigen Schrittes wandere, überhole ich den älteren Mann bald und wünsche ihm einen guten Weg, was er erwidert. Schon wenige Minuten später scheine ich wieder allein auf der Welt zu sein.

Doch so langsam kämpft sich das Tageslicht durch die Nacht und lässt deutlichere Konturen erkennen. Die Dämmerung zaubert in der nächsten Stunde ein Schauspiel von Farben an den Himmel und über die weite Landschaft. Jeder Moment selbst ist ein Meisterwerk und durch das Weiterlaufen befindet sich jedes dieser natürlichen Gemälde im Fluss. Es ist wunderschön, beeindruckend, als würde die Natur eine Privatvorstellung geben. Und dann taucht die Sonne am Horizont auf und taucht die endlosen Felder der Hochebene in ein orangenes Licht bevor sie alles vergoldet. Was für ein Moment! Es ist fast, als würde man wiedergeboren in einem unbeschreiblichen Licht. Jetzt wird mir klar, was Sieglinde gemeint hat, wenn sie von den Mesetas als einer tiefgehenden Erfahrung gesprochen hat. Schon allein dieses Ritual an diesem Morgen war die Strapazen und Unannehmlichkeiten des gestrigen Tages wert und all das motiviert mich sehr, meinen Weg nun auch wieder in Freude – wenn auch in Einsamkeit – fortzusetzen.
Nach einiger Zeit in der ich von Ebene zu Ebene gelaufen bin, taucht plötzlich und unvermittelt hinter einem Hügel der Kirchturm von Hontanas vor mir auf. Auch das ist eine interessante Erfahrung, denn noch vor wenigen Minuten hätte man meinen können, es gäbe hier kein Dorf oder Stadt weit und breit. Ich beschließe, mich in Hontanas mit einem leckeren Frühstück zu stärken und erlebe dabei, wie die letzten Pilger, die hier übernachtet hatten, den Ort verlassen. Ich fühle mich überaus fit und denke schon jetzt darüber nach, mein ursprüngliches Etappenziel von Castrojeriz nach Itero de la Vega zu verlegen. Immerhin ist es jetzt erst ca. 9 Uhr und bei meinem momentanen Lauftempo wäre ich schon vor Mittag in Castrojeriz. Außerdem würde ich dadurch wieder etwas Zeit gewinnen um spätere Etappen vielleicht kürzer zu halten und trotz der Schönheit, die ich eben erleben durfte, möchte ich die Monotonie der Felder und Ebenen doch recht schnell wieder hinter mir lassen.
Nach Hontanas geht es auf einem kleinen Pfad bei angenehmem Sonnenschein und ein paar Wolken entlang eines Hanges weiter in Richtung Castrojeriz. Dabei fällt mir ein kleines Mäuschen auf, welches vor mir auf dem Pfad davonläuft und ich freue mich über diese kleine kurze Begleitung auf dem Weg. Wenig später hoppelt auch noch ein kleiner Hase nur wenige Meter vor mir über den Weg und das freut mich noch mehr. Ich hatte den Kleinen wohl aufgescheucht und nun hüpft er eilig davon.
Bald danach geht der Weg auf der Landstraße weiter, geschützt von einer Baumallee. Weit hinter mir höre ich einen singenden Italiener. Der ist zwar bestimmt 300 Meter oder mehr entfernt, aber ich höre bis hierher, dass er furchtbar singt und denke nur, dass er der Operntradition seines Landes keine Ehre macht. Dann fällt mir der singende Koreaner von gestern ein und ich muss lachen. Da der Italiener aber irgendwie gar nicht mehr aufhört, fängt es irgendwann doch an zu nerven.
Inzwischen komme ich an der Klosterruine von San Antón vorbei, durch deren früheres Bogengewölbe heute die Landstraße verläuft. Das alles verleiht dem Ort eine seltsame Stimmung. Zum einen die alten Gemäuer, die eine jahrhundertealte Tradition widerspiegeln und zum anderen die Landstraße, auf der auch gerade ein Bus durch die Ruine fährt, der die Moderne repräsentiert mit all ihren Errungenschaften und Komforts. Das verbindende Element ist der Pilgerweg, dessen ursprünglichem Verlauf die heutige Landstraße noch immer folgt und der sie nun durch die Ruine führt.
Genau wie erwartet, komme ich noch vor Mittag in Castrojeriz an und entscheide mich nun endgültig, weiter nach Itero de la Vega zu ziehen und mache nur eine kurze Pause um Wasser am Brunnen nachzufüllen und mich kurz auszuruhen. Das Wetter ist fantastisch, die Sonne scheint, aber es geht ein frischer Wind, der die Wärme wegnimmt und ein paar Wolken spenden ein wenig Schatten. Castrojeriz zieht sich furchtbar lang und am Ende des Ortes wird der Blick auf den Tafelberg Alto de Mostelares frei, den es sogleich zu besteigen gilt. Vorher treffe ich aber wieder auf Berit und Konstanze, die in Castrojeriz übernachtet und damit gestern eine Mammutetappe hingelegt hatten. Mit bei ihnen ist Vico, ein junger Farbiger, der aber aus Leipzig kommt und in seinem riesigen Rucksack auch noch ein Zelt mit sich herumschleppt. Vico war uns bereits früher begegnet und aufgrund seines Gepäcks immer nur als „Der 25 Kilo – Mann“ bekannt. Wir schätzten sein Gepäck auf ungefähr dieses Gewicht (oder hatte er es sogar selbst einmal erwähnt?). Nun lerne ich Vico auch ein wenig näher kennen und er ist, ebenso wie Berit und Konstanze, sehr nett. Dann erklimmen wir den Tafelberg und treffen uns oben zu einer wohlverdienten Pause wieder, denn der Aufstieg war steil und beschwerlich.

Die Aussicht, die man hier einerseits auf das zurückliegende Castrojeriz und andererseits auf die vor uns liegenden endlosen Felder und Ebenen hat, ist aber eine angemessene Belohnung dafür. Eine herrliche Sicht, fast als sei man eine Wolke, die über das Land schwebt; irgendwie majestätisch. Dann aber geht es genauso steil, wie beim Aufstieg auch wieder bergab und jeder Schritt ist eine extreme Belastung für die Knie. Hinzu kommt, dass der Weg mit Geröll übersät ist und man schnell auf den Steinen ausrutschen kann. Aber vorsichtig, wie wir sind, passiert keinem etwas und wir kämpfen uns weiter auf dem staubigen Weg durch schier unendliche goldene Getreidefelder. Dabei wird nun auch die Sonne wieder etwas lästiger. Die umliegenden Hügel scheinen den Wind fern zu halten und somit ist diese tiefere Ebene ein wenig wie ein Kessel.
An der nächsten Wasserstelle verabschiede ich mich von den drei deutschen Mitpilgern vorerst und wandere schnelleren Schrittes weiter. Ich will nun einfach ankommen und mich in ein Bett werfen. Immerhin stellt diese Etappe bei Erreichen von Itero de la Vega für mich einen Rekord dar, denn dann habe ich heute sage und schreibe 32 km absolviert, eine Tagesdistanz, die ich bisher noch nie gelaufen bin.
Wenig später erreiche ich den Rio Pisuerga und überquere damit die Provinzgrenze zu Palencia. Nun ist es nicht mehr weit bis Itero und gegen 14 Uhr komme ich in der dortigen Herberge an. Alles ist sehr gemütlich, ich bin der erste Ankömmling heute und so kann ich die noch herrschende Stille genießen. Es dauert gar nicht lange und Berit, Konstanze und Vico kommen auch an und beziehen das gleiche Zimmer, wie ich, so dass die Deutschen schon deutlich in der Überzahl sind. Am Nachmittag kommt dann noch ein weiterer Deutscher namens Michael, der sogar schon in Leipzig gestartet und bis hierher gelaufen ist und Pauline, eine nette Holländerin, mit der ich auch ein wenig Niederländisch reden kann. Es folgen dann noch weitere Pilger, worunter ein Südtiroler und ein anderer Deutscher und man kann ruhig sagen, dass die Herberge nahezu komplett in deutschsprachiger Hand ist. Die Herbergsmutter ist auch furchtbar freundlich und wäscht sogar unsere Wäsche mit der Maschine und hängt sie sogar auch noch für uns auf. Da die Nachmittagshitze draußen nun aber unerträglich ist, verbringen wir die meiste Zeit im kleinen Garten im Schatten, unterhalten uns, schlafen und lesen. Hinzu kommen noch vereinzelte Blasenbehandlungen, wobei ich nun scheinbar damit keine Probleme mehr habe. Seit einigen Tagen habe ich keine Schmerzen mehr an den Füßen. Beflügelt von dem Wegerfolg des heutigen Tages nehme ich mir vor, morgen sogar noch weiter zu laufen und bis nach Carrion de los Condes zu kommen – insgesamt eine 34 km Tagesetappe.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Etappe 15: Von Burgos nach Hornillos del Camino

Es ist Dienstag, der 7. August 2007.

Am nächsten Morgen verlasse ich erst gegen 8 Uhr mein Pensionszimmer, im Vergleich zu den vorherigen Tagen war dies also richtiges Ausschlafen. Wieder bepackt mit meinem Pilgergepäck mache ich mich auf den Weg durch die Altstadt von Burgos, vorbei an der Kathdrale in Richtung Stadtrand. Es ist erstaunlich, aber die Stadt wirkt auch um diese Zeit noch total verschlafen und ist sehr still. Ich beschwere mich darüber nicht, denn das erleichtert mir die Orientierung um auf dem richtigen Weg zu bleiben. Nach einer Weile komme ich durch eine Art Park und erkenne, dass sich hier die große kommunale Herberge befindet und hier scheinen sich einige Radpilger auch gerade auf den Weg zu machen. Schon kurz nach diesem Park ist das Ende der Stadt Burgos erreicht. Ich bin erleichtert, dass mir beim Wandern aus der Stadt ein nochmaliges Industriegebiet erspart bleibt. Stattdessen finde ich mich nun in vorstädtischer Landschaft wieder, die zwar auch nicht besonders sehenswert ist, aber besser als gestern. Es scheinen wenige Pilger unterwegs zu sein, nur ein paar Radpilger überholen mich einmal. Sonst ist weit und breit niemand zu sehen. Das weckt in mir die Hoffnung, dass nun vielleicht die Jagd auf Herbergsplätze beendet ist. Hinter dem Vorort Villalbilla de Burgos geht es dann wieder recht natürlich zu, mit weiten und hügeligen Getreidefeldern. Das Wetter hat seit unserem Einzug in Burgos scheinbar wirklich umgeschlagen, denn auch heute ist es trüb und bewölkt, ein recht kalter Wind pfeift mir ins Gesicht und zwingt mich sogar dazu, meinen Pullover auszupacken und anzuziehen. Ausgerechnet hier in den Mesetas, denen man im Sommer Temperaturen von bis zu 40 °C nachsagt. Aber auch darüber beschwere ich mich nicht, denn dieses kühle Wetter ist mir lieber als brütende Hitze. Mir schmerzen die Beine, denn das lange Laufen gestern nach Burgos und in Burgos stecken in den Knochen. Auch fällt mir das Alleinsein schwer und oft muss ich an meine deutschen Mitpilger denken. Fast schon widerwillig kämpfe ich mich nun also durch diese Hochebene und weiss schon, dass ich heute nur bis Hornillos laufe. Das sind zwar nur 20 km Tagesstrecke, aber erstens habe ich viel Zeit und zweitens will ich heute einfach nicht weiter. Ich gebe zu, ich bin ein wenig ningelig und will am liebsten niemanden sehen oder sprechen.
Als ich auf der Höhe einer Hochebene mit weitem Ausblick auf Hornillos del Camino pausiere, höre ich einen singenden Asiaten mit seiner Frau ankommen. Der Mann singt schrecklich falsch aber dafür laut und will damit wohl von seiner Anstrengung ablenken, denn so sieht er aus. 'Mann, jetzt auch noch ein singender Koreaner!' denke ich mir und hoffe insgeheim, dass er schnell weiterzieht und ja nicht in der Herberge von Hornillos bleibt. Nachdem der Herr ein wenig Abstand gewonnen hat, mache ich mich auch wieder auf den Weg und wandere weiter. Das Ziel ist ja schon zu sehen. Als ich in den Ort komme, lacht mein Herz, denn ich sehe Berith und Konstanze, die beiden Thüringer Mädels, die ich aus Puente la Reina kenne. Es tut so gut, wieder vertraute Gesichter zu sehen, vor allem da nun scheinbar komplett andere Leute den Weg gehen, Leute, die ich vorher zum Teil noch nicht gesehen hatte. Berith und Konstanze erzählen mir, dass sie noch weiter bis Hontanas laufen wollen, aber für mich ist heute hier definitiv Schluss. Dann entdecke ich auch Rose, die Unitarierin aus Viana, die es sich auf einer Bank gemütlich gemacht hat. Nachdem Berith und Konstanze weitergehen, unterhalte ich mich noch ein wenig mit Rose, die mir erzählt auch in der Herberge hier zu sein. Sie gibt mir den Rat, mich aber zu beeilen, da die Herberge wohl bald voll sei. Also mache ich mich geschwind auf den Weg um die Ecke zur Herberge. Auf dem Weg werfe ich dann auch gleich meine Hoffnung auf das Ende der Herbergsjagd in den Mesetas über Bord. Als ich um die Ecke biege, fällt mein Blick auf zwei weitere bekannte Gesichter: die beiden netten Niederländer, die nach Neuseeland ausgewandert waren und die ich in Belorado das erste Mal traf, grüßten mich herzlich. Welch ein Berg-und-Tal an Gefühlen, einmal traurig, weil ich wieder allein war, dann wieder happy, bekannte Leute zu sehen, dann wieder traurig wegen den immer noch überfüllten Herbergen und dann wieder glücklich, nette Bekannte wieder zu sehen.
Wie auch immer, ich habe Glück und erwische noch ein Bett, wenngleich es an einer Terrassentür steht, durch die es heftig zieht (wieder irgendwie ein Tal). Dann lerne ich zwei Schweizer kennen, die auch ganz nett zu sein scheinen (ein Berg) doch als ich die Duschen benutzen will hat man mehr Glück einen Lottogewinn zu machen, als wenigstens 30 Sekunden lang warmes Wasser abzubekommen (ein tiefes tiefes Tal). Mit anderen Worten, ich habe die Nase so richtig voll und merke gerade, dass mir der Spass am Pilgern, den ich bisher überwiegend hatte, verloren geht. Andererseits finde ich es auch gut, solche Rückschläge zu erleiden, denn immerhin kann diese Pilgerreise keine andauernde Luxustour sein, nein, ich muss auch an solche Grenzen stoßen.
Am Abend kaufe ich ein paar Lebensmittel im örtlichen Laden und lade Rose ein, mit mir gemeinsam zu essen. Ich schlage daher die Einladung der Niederländer aus, mit ihnen ein Pilgermenü einzunehmen. Nach dem Essen setze ich mich noch ein wenig nach draussen in die Sonne. Da setzt sich ein komischer Pilger auf die Bank neben mich und babbelt die ganze Zeit auf französisch mit sich selbst. Ja, es scheint als habe er einen imaginären Mitpilger, mit dem er sich auseinandersetze. Da fällt mir auf, dass ich demselben Mann eben schon beim Einkaufen auf der Straße begegnet war. Da hatte er sich angeregt mit dem Gullideckel in der Straßendecke unterhalten. Damit ist der Tag wirklich perfekt und für mich steht fest, dass ich morgen so schnell wie möglich hier weg will und noch schneller durch die elenden Mesetas kommen möchte.

Dienstag, 13. Mai 2008

Etappe 14: Von Agés nach Burgos

Es ist Montag, der 6. August 2007.

Am Morgen brechen Julian, Sabine und ich in Agés auf. Die Nacht hat ein wenig Abkühlung gebracht und es ist angenehm frisch. Wir begeben uns in der Dunkelheit auf den Pilgerweg, der uns aus Agés heraus auf umliegende Wiesen und Felder führt. Hier scheint sich der Weg im Nichts zu verlieren und an verschiedenen Orten weiter vorn sieht man sporadisch Pilger auftauchen, die entweder ebenfalls ratlos scheinen oder scheinbar sicher ihren Weg verfolgen. Was sollen wir nun machen? Der Wanderführer spricht von einem Zaun, aber den können wir nicht sehen. Aber in der Dämmerung fällt uns ein Steinpfeil auf, der offenbar von pflichtbewussten Mitpilgern gelegt wurde. Diesem folgen wir nun im Vertrauen, dass dies der richtige Weg ist. Bald darauf führt uns dieser Weg wieder bergauf auf eine Hochebene. Dabei ist der Weg durch Wurzeln und Steine etwas mühselig und im Dämmerlicht auch ein wenig gefährlich, denn schnell ist man gestolpert und gefallen. Überhaupt wirkt dieses Stück Weg ein wenig gespenstig im Morgengrauen. Links und rechts sind nur einige Sträucher und man hat irgendwie das Gefühl, von der Ebene oben aus würde man etwas Unerwartetes sehen. Aber dem ist nicht so, einmal oben kann man nur weit ins Land blicken und ein einsamer Sessel in der Landschaft bildet die größte Kuriosität. Er wirkt in der weiten verlassenen Landschaft (wo sind all die Pilger von vorhin, frage ich mich) wie aus einem Flugzeug abgeworfen. Surreal und auch nicht wirklich kraftspendend steht dieser Sessel einfach da. Hier oben weht nun ordentlich der Wind und trübe Wolken befinden sich am Himmel. Nun gehen wir die Schotterpiste wieder hinab und unterhalten uns ein wenig, auch in Vorfreude auf ein schönes Frühstück im nächsten Ort. Dann tauchen auch wieder mehrere Pilger vor und hinter uns auf, so dass man nicht mehr ganz so verlassen ist.
Als wir in das nächste kleine Dörfchen kommen, halten wir Ausschau nach einem Kaffee um zu frühstücken. Vor einer kleinen Bar haben sich schon mehrere Pilger eingefunden, also muss es dort Café con leche (Milchkaffee) und ein Croissant geben. Sabine stellt ihren Rucksack auf einer Bank ab und schaut durch das Fenster nach innen. Plötzlich ruft sie: „Schaut mal wer da ist! Der Peter, die Ute und Sieglinde!“ Unglaublich, aber so kurz vor dem Tagesziel Burgos treffen wir uns also alle wieder und unsere Gruppe ist ein weiteres Mal vereint. Wir gehen herein und werden froh empfangen. Jetzt gibt es erstmal ein leckeres Frühstück und dabei erzählen uns Ute und Peter, dass sie gestern so fit waren und sogar noch über Agés hinaus gelaufen sind. Daher hatten wir uns kurz aus den Augen verloren. Nach dem Frühstück laufen wir sechs dann gemeinsam weiter in Richtung Burgos. Dabei laufen wir zumeist umgeben von vielen anderen Pilgern und es wird sehr deutlich, dass Burgos nicht irgendein Etappenziel auf dem Jakobsweg ist, sondern ein ganz besonderes. Viele beenden hier schon ihren Weg, weil ihnen die Zeit fehlt und sie hier später wieder einsetzen. Auch Ute und Peter werden in Burgos ihren Urlaub beenden und dann wieder zurück nach Deutschland reisen. Andere wiederum beginnen den Jakobsweg in Burgos. Und viele steigen in Burgos in den Zug oder in den Fernbus um die Mesetas zu umfahren und den Weg in León fortzusetzen, wie es Sabine und Julian vorhaben. Und Sieglinde wird sogar von Burgos bis nach Santiago fahren (sie hat den Weg ja auch schon einmal absolviert) um dann noch bis nach Finisterre am Atlantik zu laufen. Die vielen Pilger zeigen aber auch, dass der Weg gut besucht ist und damit ist leider auch oft die Angst um einen Herbergsplatz verbunden.
Wir laufen aber einfach weiter und erblicken schon erste Anzeichen fortgeschrittener Zivilsation, wie geteerte Straßen, Baustellen und die Autobahn. Über all dem schweben zunehmend schwarze Gewitterwolken, die zwar noch in der Ferne zu sein scheinen, aber sich konsequent auf uns zu bewegen. Zwischendurch tröpfelt es immer nur kurz und der Wind bläst uns entgegen. Bei unserer Wanderung und den Gesprächen verpassen wir dann irgendwann den unauffälligen Abzweig, der uns auf einem angenehmeren Weg in die Innenstadt von Burgos geführt hätte.
Darüber ärgere ich mich ein wenig, denn gerne hätte ich mir die industrielle Vorstadt von Burgos erspart. Wenig später erreichen wir Villafria, einen Vorort von Burgos und nun heisst es zum ersten Mal Abschied nehmen. Ute und Peter haben sich vorgenommen, von hier aus mit dem Bus in die Innenstadt zu fahren. Auch die anderen überlegen kurz, mitzufahren, aber für mich kommt dies nicht in Frage, denn ich möchte wirklich den ganzen Weg nur laufen. Wir tauschen noch schnell Adressen aus, verabschieden uns herzlich und sehen schon bald, wie Ute und Peter im Bus verschwinden und in Richtung Burgos abfahren. Sieglinde, Sabine, Julian und ich bleiben zurück an dieser hässlichen lauten Straße. Und zu allem Unglück fängt es jetzt auch noch an heftig zu gewittern und zu regnen. Es gießt aus allen Kannen und wir stellen uns so lange unter und nutzen die Zwangspause, um uns ein wenig zu stärken und dann so gut es geht wetterfest zu machen. Für einen Moment bereue ich es nun, nicht auch mit dem Bus gefahren zu sein und denke mit Graus an die Herberge, die von all den nassen schwitzigen Pilgerklamotten sicher ganz klamm sein wird. Aber dann übernimmt mein Pilgerbewusstsein wieder die Kontrolle und ich finde mich mit der Situation ab. Wir warten noch bis es ein wenig nachgelassen hat und laufen dann los.
Der Weg entlang der Straße ist nervig, das Wetter tut den Rest. Es regnet uns ins Gesicht, die vorbeifahrenden Autos machen Lärm, der durch das monotone Aufstoßen der Stahlspitzen unserer Pilgerstäbe begleitet wird. Immer wieder muss man Pfützen ausweichen und so laufen wir stundenlang weiter und Burgos scheint nicht wirklich näherkommen zu wollen.
Als wir den Innenstadtrand erreicht haben, lädt uns Sieglinde in eine kleine Bar zum Kaffee ein und es tut gut, kurz abzuschalten von diesem Weg, der im Moment so gar nichts von einem Pilgerweg hat. Als wir wieder heraus kommen, hat es wenigstens aufgehört zu regnen und nun müssen wir uns durch den Großstadtdschungel durchschlagen, mit Adleraugen auf gelbe Pfeile achten und dabei immer wieder die Karte studieren um die Herberge zu finden und uns bei all dem auch nicht aus den Augen zu verlieren. Sieglinde stürmt voran, als würde sie schon Jahre in Burgos wohnen und sich auskennen, aber sie vertraut einfach darauf, wegweisende gelbe Pfeile zu entdecken und diesen zu folgen. Bald erkennen wir die Kathdrale und wissen nun, dass wir in der Innenstadt sind und die Herberge nicht mehr weit ist. Kurz vor 14 Uhr erreichen wir die von uns bevorzugte Unterkunft – eine christliche Herberge, die nur ein paar Plätze hat, noch nicht geöffnet ist und wir sind die ersten. Darüber freuen wir uns. Bald schon stoßen noch drei weitere Pilger zu uns, die zum Teil auch aus Deutschland sind. Einer davon erzählt uns, bereits einen Tag in Burgos gewesen zu sein und in einer Pension übernachtet zu haben. Dabei reift sowohl bei mir, als auch bei Sabine der Gedanke, sich diesen Luxus doch auch wieder einmal zu gönnen. Aber wir verwerfen den Plan bald wieder, denn immerhin handelt es sich hier um eine kleine Herberge, so dass die Belastung durch schwitzige und feuchte Pilgersachen gering sein würde. Gegen 14 Uhr öffnet die Herberge und wir werden noch vor Betreten des Hauses eingewiesen. Dazu gehört, dass man die Stiefel noch vorher ausziehen soll und man am gemeinsamen Essen teilnehmen muss um das Gemeinschaftsgefühl zu pflegen. Wir sind etwas überrascht ob dieser stark beschränkenden Nächstenliebe und als wir den Hospitaleros mitteilen, dass wir um 19:30 Uhr gern die Messe in der Kathedrale besuchen würden, wird uns mitgeteilt, dass wir entweder dies machen könnten oder gemeinsam mit den anderen in der Herberge essen könnten. In ersterem Fall müssten wir jedoch wieder gehen und könnten dann nicht hier übernachten. Nun, das war freundlich aber auch sehr deutlich und aus Respekt vor den Regeln dieser Herberge aber auch mit dem Wissen einer vielleicht noch positiveren Alternative (Pension) verabschieden Sabine, Julian und ich uns und gehen. Leider kommt damit aber auch der viel zu schnelle und plötzliche Abschied von Sieglinde, die beschlossen hat, hier zu bleiben. Damit zersprengt sich unsere Gruppe erneut.
Wir marschieren nun doch etwas angefressen ob dieser Haltung der Herbergsleiter in Richtung Innenstadt und suchen uns eine Pension. In Burgos ist eine Pension nichts anderes, als eine riesige Wohnung, mit mehreren Zimmern, die dann an einzelne Besucher vermietet werden. Nicht gerade komfortabel aber immerhin privat im Vergleich zu Pilgerherbergen. Für 24 € habe ich damit für eine Nacht mal wieder ein Einzelzimmer mit Blick auf einen Hinterhof.
Nach kurzer Erfrischung begeben wir uns dann wieder gemeinsam in die Stadt. Das erste Ziel ist das Postamt, bei dem ich 2,2 kg meines Rucksackgewichtes aufgebe und postlagernd nach Santiago vorschicke. Ich hoffe, damit auch meine Rückenschmerzen zu lindern.
Danach versorgen wir uns mit ein paar Lebensmitteln und gehen dann zur Kathedrale. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch das mächtige Stadttor, dass trotzig dasteht und von der Macht der einstigen Hauptstadts Kastiliens kündet. Dabei wirkt es aufgrund des hellen Steins fast wie neu und gar nicht, als könnte es Geschichten aus Hunderten von Jahren erzählen. Gleiches gilt für die wundervolle Kathedrale von Burgos. Sie ist so schön verziert und sieht mit ihren vielen Türmchen, Rosetten, Figürchen und Schnörkeln aus, wie eine Mischung aus Kleckerburg und Hochzeitskuchen. Welch ein majestätischer Anblick, ich bin beeindruckt und fasziniert. Schon allein die Außenfassade könnte man stundenlang in ihren Details betrachten, ohne alles wirklich zu erfassen. Die Kathedrale ist ein wahrer Ort zur Ehre Gottes, fast wie der himmlische Tempel selbst, verspielt und dennoch ehrfurchtsvoll. Ich erinnere mich in diesem Moment an das Buch von Ken Follett „Die Säulen der Erde“ und sehe hier eine Art meisterliche Kulisse dazu. Der Eindruck ist im Innern noch stärker. Das Gestein des Domes ist hell, an vielen Stellen gar weiß und dadurch wirkt das gesamte Kirchenschiff wunderbar hell und beruhigend.
Die gotische Architektur ist zart und filigran mit vielen kleinen steinernen Balken, Pfeilern, kleinen Himmelsgerüsten, die sich bis hoch in die Türme erstrecken und dabei wie Zuckerwerk aussehen. Durch die hellen Mauern kommen Hauptaltar, Seitenaltare und das Gestühl wundervoll zur Geltung. Dieser Anblick ist atemberaubend und zugleich zutiefst meditativ. Die vielen Touristen und Pilger stören nicht, es herrscht eine angenehme Ruhe in diesem Gotteshaus, das zweifellos zu einem meiner liebsten gehört, die ich bisher kenne. Im Anblick dieser Schönheit vergisst man schnell den Regen, die nervige Straße im Industriegebiet und die Enttäuschung über engstirnige christliche Herbergen. Ich kann die Wirkung der Kathdrale von Burgos nur schwer in Worten wiedergeben.
Nachdem wir die Kirche verlassen haben, gehen wir noch ein wenig durch die Innenstadt und bummeln durch die Läden. Ich besorge mir in einer Buchhandlung ein Buch, denn ab morgen werde ich wieder allein unterwegs sein und könnte vielleicht ein wenig Zerstreuung am Nachmittag brauchen. Dann treffe ich mich wieder mit Sabine um die Abendmesse in der Kathedrale zu besuchen, die aber „nur“ in einer der Seitenkapellen stattfindet. Immer wenn ich diese Messen besuche, empfinde ich dies als sehr wohltuend, zum einen weil viele andere Pilger auch daran teilnehmen, zum anderen weil die Festlichkeit katholischer Messen auch einen schönen Kontrast bildet zum einfachen und schmucklosen Dasein des Pilgers. Auch behalte ich dabei den eigentlichen Sinn meiner Pilgerreise, nämlich den einer bewussten Reise mit Gott, im Auge. Und noch einen Grund hat der Besuch dieser Messe: auch für mich ist diese Stadt und diese Etappe ein wichtiger Einschnitt auf dem Weg. Von nun an folgen die Mesetas mit wer weiss was für Herausforderungen landschaftlicher, wettertechnischer und zwischenmenschlicher Natur. Ich werde nun wieder weitestgehend allein unterwegs sein, wohl begleitet von anderen Pilgern, aber dennoch fern von Freunden und Familie und fern von den Menschen, die ich bis hierher kennen- und schätzen gelernt habe.
Am Abend dann essen Sabine, Julian und ich noch gemeinsam in der Pension zu Abend und dann heisst es wieder einmal Abschied nehmen. Morgen werden sie, wenn ich aufstehe, schon auf dem Weg nach León sein und ich werde mir meine Schuhe anziehen, meinen Stock nehmen und weiter laufen, bis nach Santiago zum Grab des Apostels und meinem großen Ziel.