Mittwoch, 20. August 2008

Etappe 35: Von Pedrouzo nach Santiago de Compostela

Es ist Montag, der 27. August 2007.

Als ich morgens aufwache, kann ich es kaum noch erwarten. Ich merke die Anziehungskraft Santiagos ganz deutlich und meine Füße wollen loslaufen. Ich packe meine Sachen und begebe mich in der Dunkelheit auf den Weg, der mich zunächst auf der Straße zurück und dann in den Wald führt. Hier ist es nun noch finsterer und die Batterien meiner Taschenlampe meinen offensichtlich, wir hätten das Ziel schon erreicht und versagen ihren Dienst. Ich kann den Weg nicht mehr ausleuchten und stehe mitten im finsteren Wald. Von hinten nähern sich einige Pilger mit Lampen, so dass ich kurzzeitig wieder Orientierung finden kann. Solange der Schein ihrer Lampen mich begleitet gehe ich weiter, doch als sie sich zu weit entfernt haben, wird es wieder dunkel um mich herum. Ich irre also vorsichtig weiter. Plötzlich sehe ich an den Seiten winzige Lichtlein leuchten und erkenne, dass es Glühwürmchen sind, die sich mächtig anstrengen und mir somit zwar nicht den Weg ausleuchten aber wieder etwas Hoffnung spenden. Im Vertrauen folge ich dem Pfad, den ich für den Weg halte und bald schon überholen mich wieder Pilger mit diesen hell leuchtenden Grubenlampen. Ich erinnere mich, dass ich mich früher oft über diese Dinger aufgeregt habe doch nun bin ich froh, dass es sie gibt, denn sie erhellen beinahe den ganzen Wald und spenden mir damit ebenfalls ausreichend Licht. Zudem versuche ich mit dem schnellen Schritt dieses erleuchteten Pilgers mitzuhalten um sozusagen von seiner Lampe zu profitieren, was mich zugegebenermaßen zu einem Schmarotzer macht.
Etwas später verlassen wir den Wald und damit bin ich nicht mehr auf Fremdlicht angewiesen. In der freien Landschaft ist es schon heller, da die Morgendämmerung einsetzt. Nun geht es noch durch einige kleine Dörfchen, bergauf und bergab durch einige kleinere Waldgebiete. Danach biege ich einmal auf dem Weg links ab, nachdem ich einige Zeit nach dem gelben Pfeil suchen musste. Es geht weiter bergan und während eben noch vereinzelt andere Pilger zu sehen waren, scheine ich nun ganz allein unterwegs zu sein. Ich laufe nun durch ein Gebiet, dass teilweise abgeholzt wurde und nun scheinbar brach liegt. Wenig später wird mir klar, wo ich mich befinde, denn unweit von mir höre ich, mit unglaublichem Krach ein Flugzeug starten. Ich befinde mich knapp neben der Start- und Landebahn des Flughafens von Santiago. Dies gehört wahrlich nicht zu den Höhepunkten des Jakobsweges und offensichtlich gibt es einen Alternativweg, den die anderen Pilger genommen haben. Glücklicherweise ist es noch recht früh und der Flughafen eher klein, so dass nicht zu viele Flugzeuge starten und landen, während ich vorbeilaufe. Bald schon stoße ich wieder auf den anderen Weg an der Straße und treffe auf ein erstes Willkommensschild am Rand von Santiago.
Noch bin ich aber nur im Großeinzugsgebiet und noch weit von der Altstadt entfernt. Der Weg führt nun um die Außenbereiche des Flughafens herum durch kleinere Vororte hin zum Monte do Gozo, dem letzten Hügel vor Santiago de Compostela. Der Weg nach oben führt vorbei an einer Massenherberge von 500 bis 800 Betten, vorbei an den Antennen des galizischen Regionalfunks zu einem überdimensionierten Monument in Erinnerung an die Papstbesuche hier. Ich gönne mir hier auf dem Berg noch ein kleines Frühstück und danach geht es endgültig den Berg hinab in die Stadt.
Kurz darauf erreiche ich das Ortseingangsschild von Santiago und nun geht es durch die Randbezirke in Richtung Innenstadt. Während ich nun an den Häusern und dem Verkehr vorbeiziehe spüre ich kein erhebendes Gefühl. Es ist alles recht turbulent und kommt doch irgendwie so plötzlich. Die vielen Eindrücke, die ich in gesteigerter Aufmerksamkeit aufnehme, verwirren mich fast. Noch bevor die Altstadt überhaupt zu sehen ist, werde ich von mehreren Leuten angesprochen, die mir Privatunterkünfte anbieten und mir Telefonnummern geben, wo ich mich melden soll. Das verwirrt mich nur noch mehr, doch es setzt sich bis in die Altstadt fort. Bei all diesem Durcheinander erlebe ich aber nun auch das Gefühl der Erleichterung, denn offensichtlich brauche ich mir hier keine Gedanken um eine Übernachtungsmöglichkeit zu machen. Als ich die Altstadt betrete und die Gassen enger und die Häuser älter und schöner werden, spricht mich noch einmal eine ältere Frau an und preist ihre Zimmer an. Als Belohnung für das Erreichen des Zieles gönne ich mir nun diese Privatunterkunft und gehe mit ihr mit. Sie führt mich durch viele kleine Gässchen, hier links, da wieder rechts, zwischendurch ein kleiner Schwatz, dann begrüßt sie wieder einen Bekannten, dann wieder rechts und links. Ich bin vollkommen orientierungslos und folge ihr einfach. Dann haben wir das Ziel erreicht und sie zeigt mir das Zimmer, welches mir gut gefällt und in dem ich nun zwei Nächte bleiben werde. Es ist jetzt circa elf Uhr und damit bleibt mir noch eine knappe Stunde bis zur Pilgermesse in der Kathedrale, die ich gern besuchen möchte. Also dusche ich schnell noch, packe ein paar Sachen aus und mache mich auf den Weg. Anhand des Stadtplans kann ich mich wieder orientieren und stelle fest, dass ich nur wenige hundert Meter von der Kathedrale entfernt wohne.
Während ich nun so durch die Altstadt wandere und um mich herum das Treiben der Menschen und die ankommenden Pilger erlebe, kann ich keinen klaren Gedanken fassen. Es sind zu viele Eindrücke und mein Gehirn kann es nicht richtig begreifen, dass ich am Ziel bin. Noch erscheint mir Santiago eher ein Zwischenziel zu sein, wie Burgos oder León.

Dann endlich komme ich auf den Praza do Obradoiro, den großen Platz direkt vor der Hauptfassade der Kathedrale. Er ist riesig und darauf tummeln sich viele Menschen, überwiegend Pilger. Ich bin überwältigt und doch auch irgendwie betäubt, als liefe ein Film ab oder als würde ich eine ferne Erinnerung wahrnehmen. Ich kann es einfach nicht fassen, hier zu sein und somit halten sich auch meine Emotionen im Zaum. Als ich die Treppen vor der Fassade nach oben laufe, treffe ich ein paar italienische Mitpilger, die ich vorher schon einige Male sah und wir reichen uns alle erleichtert die Hand. Und mit dieser Geste dringen erstmals einige Gefühle nach außen. Ich freue mich so, dass sie auch mit hier sind und sehe in ihren Augen die gleiche Erleichterung und Zufriedenheit, wie in so vielen Gesichtern ankommender Pilger. Dann laufe ich noch einmal über den Platz und erkenne immer mehr mir bekannte Gesichter. Viele von ihnen habe ich unterwegs zwar getroffen und wir haben uns oft gegrüßt, aber nie wirklich kennengelernt. Hier aber, im Angesicht dieser wunderschönen Kathedrale von Santiago geben wir uns alle die Hand oder umarmen uns. Wir kennen uns nicht, sind uns aber doch so nah und sind alle Teil dieser großen wundervollen Gemeinschaft von Pilgern. Mit jedem Handschlag und jeder Umarmung rückt mir Santiago ein Stückchen näher und ein paar Tränen stehen mir in den Augen. Das Gefühl, was ich jetzt empfinde, hier an diesem Ort kann ich nicht in Worte fassen.



Kurz vor zwölf Uhr gehe ich dann über den Seiteneingang in die Kirche zur Pilgermesse. Die Kathedrale ist riesig und doch mit unzähligen Menschen und Rucksäcken gefüllt, so dass ich die Messe an kleinen Bildschirmen am Rand verfolge, die in regelmäßigen Abständen aufgehängt sind. Alles ist sehr festlich, aber nicht verkrampft feierlich. Der Gottesdienst, die Liturgie und die Ansprachen der Priester haben eine gewisse jugendliche Leichtigkeit – jedenfalls in dem Maße, wie ich es verstehen kann, da alles auf Spanisch ist. Zu Beginn werden kurz die Zahlen der Pilger nach Nationalitäten genannt, die neu in der Stadt angekommen sind. Es folgt die Messzeremonie und abschließend das Schwenken des riesigen Weihrauchfasses durch das Querschiff der Kathedrale, wobei hunderte Kameras und Handys in die Luft gehalten werden und diesem Ritual huldigen. Nach Spendung des Sakraments und dem Segen verlassen die Pilger das Gotteshaus wieder. Dabei entdecke ich Elisabeth und gleich draußen vor der Tür umarmen wir uns und freuen uns gemeinsam über unsere Ankunft. Auch Dorothee stößt bald zu uns und zu guter Letzt treffen wir auch drei der „Fantastischen Vier“, nämlich Heidi, Anka und Lois wieder. Lili werde ich nicht noch einmal sehen.
Von Leichtigkeit und Freude beseelt genießen wir alle den Augenblick und mit Doro und Elisabeth verabrede ich mich für den Nachmittag. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass uns allen die Worte fehlen.



Nachdem ich mich über Mittag ein wenig gestärkt und ausgeruht habe, durchstreife ich die Straßen und Gassen von Santiago. Diese quirlige Studentenstadt hat ein besonderes Flair; alte Tradition trifft hier junge neue Geister. Überdies wirkt sie auch sehr international und offen, eine Weltstadt eben. Während ich so gehe, treffe ich plötzlich Steffen aus Ulm wieder und ich freue mich, nun wieder einen Bekannten des Weges zu sehen und zu wissen, dass er gut angekommen ist. Steffen ist bereits seit gestern hier und wird morgen auch schon wieder nach Hause aufbrechen. Wir unterhalten uns eine Weile, während wir einen Frisör ansteuern, denn Steffen möchte die gewachsene Haarpracht nicht komplett mit zurück nehmen. Auch ich möchte vor allem meinen Pilgerbart loswerden und damit an sich auch eine Tradition wahren. In den vergangenen vier Wochen habe ich mich bewusst nicht rasiert, weil ich mir zum einen das Gewicht des Rasierers sparen wollte und zum anderen habe ich den Bart wachsen lassen um auch eine gewisse Entwicklung des Pilgerweges an mir selbst zu erkennen. Nun aber muss der Bart ab und das stilvoll von einem spanischen Barbier (wenngleich es nicht der Barbier von Sevilla sein kann). Leider bietet der Frisör, der Steffen bedient, diesen Service nicht an und somit verabschieden wir uns wieder. Da nun auch die Zeit knapp wird, weil ich noch andere Pläne habe, verschiebe ich die Operation Bart-ab auf morgen und gehe nun stattdessen zurück zur Kathedrale. Am späten Nachmittag ist das Gotteshaus nicht mehr so überfüllt und nun kann ich auf einer der Kirchenbänke ein wenig innehalten und diesen wunderbaren Kirchenraum auf mich wirken lassen. Es ist eine atemberaubend schöne Kathedrale, die immens groß ist, dabei aber nicht erdrückend wirkt. Vorn im Altarraum steht der strahlende goldene Altar mit der lebensgroßen Heiligenbüste unter einem Baldachin. Da er jetzt nicht angestrahlt wird, schimmert er geheimnisvoll im Halbdunkel und blickt nicht erhaben, sondern fast kameradschaftlich auf die Pilger herab. Es ist geradeso, als wolle die Büste des Apostels sagen: „Schön, dass Du es geschafft hast und nun hier bist.“ Je länger ich hier sitze und die Menschen betrachte, desto näher wächst mir diese Kathedrale ans Herz. Es ist so eine liebevolle und unverkrampfte Lebendigkeit hier, keine überzogene Frömmigkeit, die mehr repräsentativ als aufrichtig ist. Wahrscheinlich ist dies so, weil hier die Frömmigkeit der Menschen unmittelbar mit ihrem Schicksal des Pilgerweges verbunden ist und damit keine reine Pflichterfüllung darstellt. Ich laufe nun ein wenig durch das Kircheninnere, vor in Richtung des Altarraumes, der magisch anziehend ist.



Auch ich sollte traditionell noch einige Rituale durchführen, um meine Pilgerreise zu beenden. Diese nehme ich nun in Angriff und stelle mich in die Schlange, die zur Goldbüste des Jakobus unter den Baldachin führt. Der Brauch will es, dass die Pilger das goldene Apostelabbild umarmen, küssen und sich so für eine beschützte Reise bedanken. Als ich nach oben komme und nun über die Schultern des glänzenden Jakobus in die Kathedrale schaue, falle ich ihm in Dankbarkeit um den Hals und küsse kurz sein goldgeschmiedetes Gewand. Ich habe schließlich allen Grund, für eine beschützte Reise dankbar zu sein. Danach begebe ich mich wieder nach unten und besuche auch das Grab des Apostels, welches sich in der Krypta unterhalb des Altars befindet. Hier ist es mehr Fließband, weil so viele anstehen und so werfe ich nur einen kurzen Blick auf den silbernen Schrein, in dem sich die Überreste des Heiligen Jakobus befinden sollen. Beides sind für mich schöne Momente, wenngleich sie etwas touristisch vereinnahmt sind, aber mit jedem dieser Rituale wird mir auch bewusster, dass mein Pilgerweg nun wirklich ein Ende gefunden hat und so langsam dringt die Erkenntnis zu mir durch, dass Santiago eben nicht nur eine Zwischenstation ist, sondern das Ende meines Jakobsweges.
Da noch etwas Zeit ist bis zum Treffen mit Elisabeth und Dorothee, besuche ich auch gleich noch das Pilgerbüro neben der Kathedrale um meine Compostela abzuholen. Jeder, der mindestens die letzten hundert Kilometer bis Santiago zu Fuß gegangen ist und dies mittels seines Pilgerausweises belegen kann, bekommt sie und auch wenn ich gar 800 km gelaufen bin und somit meine Compostela redlich verdient habe, bin ich diesen Jakobsweg letztlich nicht wegen dieser Urkunde gegangen. Dennoch empfinde ich auch Stolz, als ich sie dann endlich in den Händen halte. Da sie in Latein ausgestellt wird, gab es jedoch einige Komplikationen mit meinem Vornamen, der traditionell ebenfalls in latinisierter Form eingetragen wird. Da Dirk jedoch ein germanischer Name neuerer Zeit ist, fand sich dafür keine entsprechende lateinische Form. Das sorgte bei den netten Damen des Pilgerbüros für einige Unruhe und alle Namenslisten konnten nicht helfen. Mir war aber bekannt, dass Dirk eine Kurzform für Dietrich ist und für Dietrich fand sich eine Entsprechung in Latein: Theodericus. Und somit heiße ich auf meiner Compostela Theodericus. Eine heitere Anekdote.
Am Abend genießen Dorothee, Elisabeth und ich das gemeinsame Pilgermenü in Santiagos Gassen. Abends wird diese Stadt noch schöner, da sich alles ein wenig beruhigt und an mehreren Ecken Straßenmusiker angenehme Töne spielen. So setzen auch wir uns auf die Stufen unterhalb der angestrahlten Kathedrale und lauschen den wunderschönen Klängen, die uns diese Stadt einmal mehr ans Herz wachsen lassen. Wenn es Momente im Leben gibt, in denen man die Zeit anhalten wollte, so wäre dies einer davon. Gegen 22 Uhr wollen wir zwar nach Hause gehen, laufen aber dann doch noch einmal auf den großen Platz vor der Westfassade der Kathedrale. Hier sitzen noch so viele Pilger auf den warmen Steinen des Platzes, feiern ein wenig, treffen alte Bekannte, sind still in sich gekehrt und lassen diese Atmosphäre einfach auf sich einwirken. Wir tun es ihnen gleich und so streifen wieder Gedanken an vorangegangene Etappen durch den Kopf und eine unbeschreibliche Dankbarkeit, Zufriedenheit und Leichtigkeit erfassen mich. Der Vollmond steigt über der Kathedrale auf und am liebsten würden wir noch stundenlang hier bleiben wollen. Da Dorothee und Elisabeth morgen aber noch bis nach Finisterre am Atlantik fahren wollen, heisst es wieder einmal Abschied nehmen und diesmal leider vorerst für immer. Und damit holt einen der Jakobsweg mit seinen Begegnungen und Abschieden wieder ein Stückchen ein, oder ist es gar schon der Alltag des Lebens, der hier, an diesem himmlischen Ort so fern zu sein scheint? Damit endet auch für mich ein langer Tag mit unendlich vielen Eindrücken.

Dienstag, 19. August 2008

Etappe 34: Von Arzúa nach Pedrouzo

Es ist Sonntag, der 26. August 2007.

Gegen 6 Uhr breche ich zusammen mit Elisabeth wieder auf. Auch heute unterscheidet sich der Weg landschaftlich nicht von den vorangegangenen zwei Tagen und auch in meinem Kopf sieht es nicht anders aus. Auf Wegen und Pfaden durchqueren wir mehr Eukalyptuswälder, kommen durch kleine Dörfchen. Hin und wieder tauchen Gedanken an die vorherigen Etappen auf. Ich kann mich noch an meine fast schon visionsartigen geistigen Bilder meiner Ankunft in Santiago erinnern, die ich ganz zu Beginn meines Pilgerweges hatte. Von denen ist nun nichts mehr zu spüren, obwohl die Stadt nicht mal mehr 30 km entfernt liegt. Ich denke auch an die landschaftlich doch eher leeren und monotonen Etappen in den Mesetas zurück und empfinde das saftige und mediterran wirkende Grün der hiesigen Umgebung als angemessene Beruhigung meines doch recht aufgewühlten Geistes. Ich denke auch an die Menschen zurück, die ich getroffen habe. Dass ich mit Sieglinde, Sabine, Julian, Ute und Peter gelaufen bin und wir uns in Burgos verabschiedet haben, scheint mir eine Ewigkeit her zu sein. Ebenso geht es mir mit den dänischen Freunden. Und dennoch sind sie alle noch in meinen Gedanken. Dieser Weg ist wie das Leben. Viele Etappen gehen wir, manche einsam und allein, andere zusammen mit guten Freunden und netten Bekannten oder auch mit weniger angenehmen Menschen. Man trifft sich und muss sich wieder trennen. Jeder hinterlässt dabei Spuren auf dem Weg der anderen und alle streben auf das Ziel hin, die letzte Etappe an deren Ende man zurückblickt auf das Erreichte aber auch auf die Dinge, die man versäumt hat oder die enttäuschend waren.
Aber noch bin ich nicht am Ziel. Noch muss ich einmal um einen Herbergsplatz bangen. Noch sind es einige Kilometer. Während dieser Gedanken und der Gespräche mit Elisabeth zieht die Landschaft vorbei. Ich bin froh, dass Elisabeth nun hier ist und wir gemeinsam laufen, denn wenn ich allein wäre, würde ich vielleicht auch zu stark in meinen Gedanken versinken. Und außerdem hätte ich dann nicht so viel Spaß am Erlernen des Österreichischen.
Immer wieder passieren wir andere Pilger, oder Pilger ziehen an uns vorüber. Es herrscht nach wie vor Freundlichkeit; man grüßt sich und wünscht sich einen guten Weg. Manchmal spürt man in diesen Wünschen die gleiche Sehnsucht und Erwartung, die auch ich fühle. Einmal passieren wir auch eine Gruppe von Pilgern, die in der Tat auf Wallfahrt sind. Sie beten unterwegs auf Spanisch den Rosenkranz und während wir uns ihnen nähern, sie passieren und uns wieder entfernen, hören wir beide diesen Pilgern bei ihren Gebeten zu. Mir tut es gut, dies zu erleben, auch wenn ich nicht römisch-katholisch bin, denn es drückt meines Erachtens die eigentliche Bedeutung dieses Jakobsweges aus: Gott mit dem ganzen Herzen zu suchen und ihm in Demut und aufrichtiger Frömmigkeit zu begegnen.
Der letzte Abschnitt der heutigen Etappe führt an der Straße entlang nach Pedrouzo zur Herberge. Als wir dort ankommen, erwartet uns nicht eine Schlange von Pilgern, sondern nur „Mr. Monk“, der bereits wieder seinen Rucksack aufgestellt hat, auf einer Bank sitzt und schmunzeln muss, als er uns sieht. Elisabeth und ich müssen richtiggehend lachen, als wir ihn sehen. Gemeinsam warten wir also wieder auf die Öffnung der Herberge und es wiederholt sich gewissermaßen das gleiche Spiel, wie gestern. Im Laufe der Zeit kommen immer mehr Pilger an und da es bald anfängt zu regnen, gerät die Rucksackordnung unter dem kleinen Vordach der Herberge ein wenig durcheinander. Und als die Türen der Unterkunft geöffnet werden, entsteht auch ein wenig Gedränge und Unruhe, die aber dank der Vernunft aller bald wieder endet. Es ist geschafft! Wieder einmal haben Elisabeth und ich einen Herbergsplatz bekommen. Hier riecht es zwar wirklich penetrant nach Desinfektionsmittel, was durch die schwülwarme Luft noch verstärkt wird, aber wir haben ein Bett. Nach der Dusche lege ich mich kurz etwas hin, schlafe aber nicht (was bei der Unruhe in der Herberge auch schwerlich möglich ist) sondern denke nach. Jetzt auf einmal durchströmt mich ein unbeschreibliches Gefühl der Dankbarkeit. Ich bin 21 km vor Santiago, habe nahezu 800 km zu Fuß mit 11-13 kg Gepäck auf dem Rücken zurückgelegt und Gott hat mich auf der gesamten Strecke begleitet, gesegnet und beschützt. Nie musste ich im Freien übernachten, nie war ich krank, meine Verletzungen waren nie so ernsthaft, dass ich länger pausieren oder gar aufgeben musste, nie bin ich Menschen begegnet, die mir Übles wollten, nie war ich ernsthaft und ausweglos bedroht, nie war das Wetter dauerhaft unerträglich oder gar gefährlich. All dies wird mir in diesem Augenblick klar. Ich begreife, dass ich den Jakobsweg geschafft habe, sowohl physisch, als auch psychisch und ob dieser Dankbarkeit, laufen mir ein paar Tränen über die Wangen.
Als ich am Nachmittag vor dem Gestank der Herberge nach draußen flüchte, sehe ich, wie Dorothee ankommt und freue mich, wieder ein bekanntes Gesicht zusätzlich zu sehen. Auch lerne ich noch einen jungen Schweizer namens Roman kennen, der ebenfalls berichtet, dass er zwei Tage aussetzen musste, weil er schwere Magenschmerzen bekommen hatte. Er erzählt, dass es in Spanien aufgrund der Dürre eine Mäuseplage gebe und daher viel Rattengift ausgestreut worden wäre. Möglicherweise sei einiges davon auch in Brunnen gelangt, von denen die Pilger ihre Wasservorräte unterwegs beziehen. Ich weiß nicht, ob dies stimmt, aber ich fühle mich einmal mehr in meinem Empfinden von eben bestätigt.
Am Abend gehen Doro, Elisabeth und ich noch in die Stadt um ein letztes gemeinsames Pilgermenü einzunehmen. Nach einiger Suche finden wir schließlich eine Kneipe, die es anbietet, wenngleich es nicht überragend ist. Aber hier geht es nicht um die Qualität des Essens, sondern um unsere Gemeinschaft vor dem Abschied. Mir ist klar, dass ich morgen allein weiterziehen muss und auch allein in Santiago ankommen werde. Ich bin mir dessen bewusst, auch wenn mir die Gesellschaft Elisabeths beim Laufen gut tut. Ich habe ihr dies gestern bereits mitgeteilt und war froh, dass sie das nicht falsch verstanden, sondern positiv aufgenommen hat. Vor mehr als vier Wochen habe ich dieses Abenteuer allein angetreten und nun bin ich mir sicher, dass ich es auch allein beenden muss. Außerdem befürchte ich, dass mich die Ankunft in Santiago emotional so überwältigen könnte, dass es andere und mich selbst vielleicht überfordert und überdies ist das auch ein etwas privater Moment.
Vom Wein und von der Aussicht auf die morgige Ankunft beschwingt, ziehen wir drei wieder zurück zur Herberge und der Tag endet. Es sind noch circa 20 km. Also auf nach Santiago.

Montag, 18. August 2008

Etappe 33: Von Mélide nach Arzúa

Es ist Samstag, der 25. August 2007.

Als wir an diesem Morgen aufbrechen bin ich ganz froh, die Sterilität und Unpersönlichkeit der Herberge hinter uns zu lassen und freue mich nun wieder auf die Natur und ihre individuelle Wahrnehmung. Dank Elisabeths Grubenlampe kommen wir auch im Dunkeln recht gut voran. Das Wetter ist nun wieder sehr schön und die Morgenluft erfrischt mich wieder. Der Weg führt weiter durch die nun mittlerweile vertraute galizische Landschaft. Immer wieder gibt es Maisfelder, durch die der Weg führt aber zunehmend treffen wir nun auch auf Eukalyptuswälder. Diese sind ein ganz besonderes Erlebnis. Meist sind die Bäume nur noch an den Wipfeln belaubt während ihre Stämme silbern glänzen und dabei aber die äußersten Schichten der Rinde wie Hautfetzen herabhängen. Damit sind sie nicht unbedingt die schönsten Bäume, sie wirken ein wenig, als hätten sie Sonnenbrand und nun würde sich die alte Haut abschälen. Dieser Eindruck macht sie auch etwas geheimnisvoll. Ganz bezaubernd ist aber der Geruch, der von ihnen ausgeht. An manchen Stellen riecht es recht stark nach Eukalyptus, fast so als hätte Mutter Natur ein großes Erkältungsbad mit entsprechendem Badezusatz eingelassen. Hier kann man sozusagen die Gesundheit riechen. Ich nehme mir ein Blatt ab und reibe es etwas zwischen den Fingern, die nun auch leicht nach Eukalyptus riechen. Da die abgeschälte Rinde mit der Zeit zu Boden fällt, ist der Untergrund, auf dem unsere Pilgerfüße wandern, recht weich.



Gedanklich kann ich mich – abgesehen von diesen Besonderheiten der Natur – nur noch wenig auf den Weg als Pilgerweg konzentrieren. Dafür belastet mich die Situation in den Herbergen zu sehr. Ich erfahre dabei, dass ich nicht für die Wildnis geschaffen bin, das heißt, ich brauche einfach mein Bett und meine Dusche. Immer wieder habe ich unterwegs Pilger getroffen, denen es nichts ausgemacht hat, im Freien zu übernachten. Sie hätten wohl auf diesen letzten Etappen keine Probleme, aber mich nimmt diese Angst um Herbergsplätze nun ein Stück gefangen. Darüber ärgere ich mich, auch weil es einmal mehr beweist, wie wenig Vertrauen ich in Gott habe, der für alles sorgt, was ich brauche. Der Wunsch, alles zu kontrollieren, zu planen und zu organisieren, ist einfach zu groß. Um also das Risiko so weit wie möglich zu minimieren und Unsicherheiten auszuschließen, plane ich immer alles genau, stelle mir dabei aber selbst Grenzen auf, die mich auch blockieren. Mir fällt die Stelle in der Bibel ein, in der gesagt wird, dass wir durch unsere Sorgen unser Leben doch auch nicht um ein einziges Jahr verlängern können. Ganz im Gegenteil, durch zu viele Sorgen und Gedanken werden wir es wahrscheinlich noch eher verkürzen als verlängern. Dennoch, auch wenn die Erkenntnis in diesem Moment da ist, eine Änderung meines Denkens kann ich nicht innerhalb von wenigen Schritten herbeiführen.




Nach einer kurzen Etappe von nur 15 km erreichen Elisabeth und ich die Herberge von Arzua. Vor dem Eingang steht ein einsamer Rucksack und auf einer Bank neben der Herberge sitzt ein Spanier, der uns zu verstehen gibt, dass wir unsere Rucksäcke in einer Reihe dahinter aufstellen sollen. Damit wird die Reihenfolge der Ankunft an der Herberge angezeigt und so wird man dann auch in die Unterkunft hineingehen. Der Spanier ist recht nett und gleicht in seinem äußeren Erscheinungsbild dem Schauspieler Tony Shalhoub, der den Mister Monk in der gleichnamigen Krimiserie spielt. Daher nenne ich ihn für mich „Mr. Monk“. Sein Rat mit den Rucksäcken war jedoch sehr hilfreich, denn in der verbleibenden Zeit bis die Herberge öffnet, kommen immer mehr Pilger an und die Schlange vor der Herberge wird nun sehr lang. Man spürt auch, dass viele Leute diese Situation als unangenehm empfinden und trotzdem bleiben alle ruhig und halten sich an die Reihenfolge. Dann endlich öffnet die Unterkunft, die zwar etwas stilvoller ist, als die gestrige, aber dennoch den Eindruck der Massenabfertigung nicht ablegen kann. Der Ablauf danach bleibt dann immer der gleiche: man wird auf die Schlafsäle verteilt, man geht duschen, man wäscht seine Wäsche und hängt sie auf, danach ruht man sich aus oder isst etwas. Bald schon ist die Herberge auch voll und obwohl sich jeder im Schlafsaal wenigstens bemüht, leise zu sein, herrscht eine unterschwellige, allgegenwärtige Unruhe.
In der spätnachmittäglichen Hitze begebe ich mich noch einmal aus der Herberge die Straße hinunter, um ein paar Lebensmittel einzukaufen. Mehr will ich aber gar nicht von Arzúa sehen, ich bin einfach nur genervt, sehne mich jetzt nach Hause in mein eigenes Bett und mein eigenes Zimmer zurück. Es sind jetzt noch 42 km bis nach Santiago, also noch zwei Etappen und nie habe ich mir sehnlicher gewünscht, diesen Jakobsweg zu beenden als jetzt, denn ich merke, dass diese letzten Kilometer für mich reiner psychischer Stress sind.


Sonntag, 17. August 2008

Etappe 32: Von Ligonde nach Mélide

Es ist Freitag, der 24. August 2007.

Als die ersten Pilger am Morgen wach werden und ihre Sachen packen, merke ich erst, wie gut ich geschlafen habe. Es fällt mir schon schwer, aufzustehen. Danach frühstücken wir noch gemeinsam und dann gilt es leider Abschied zu nehmen, was uns allen sichtlich schwer fällt.
In der einsetzenden Morgendämmerung begeben sich Elisabeth und ich wieder auf den Weg, passieren die kleine Kirche des Nachbarortes Areixe und dann geht es ähnlich wie gestern weiter auf kleinen Wegen quer durch die galizische Landschaft mit ihren vielen winzigen Siedlungen. Auf dem Weg trifft man nun auch immer häufiger auf die für diese Region typischen Horreos, alte Getreidespeicher, die meist auf einem Sockel stehend aussehen, als wären sie kleine Kapellen.
In Palas de Rei nehmen wir unser Frühstück ein und kaufen noch ein wenig Proviant für unterwegs. Danach zieht sich der Weg wieder angenehm weiter durch die grüne Landschaft und die Nähe zum Meer wird nun deutlicher, denn unterwegs treffen wir bereits das eine oder andere Mal auf Palmen und andere eher exotische Pflanzen in den Vorgärten von Häusern.
Als wir uns gegen Mittag dann der Stadt Mélide nähern, ist es wieder sehr warm und ich bin doch auch ziemlich erschöpft. Gleichzeitig wächst in mir auch die Angst um die Herbergsplätze. Da wir uns nun auf den letzten hundert Kilometern vor Santiago de Compostela befinden, ist es unausweichlich, dass immer mehr Pilger unterwegs sind. Entsprechend knapp sind auch die Plätze in den Herbergen. Da offenbar der Jakobsweg in den letzten Jahren auch stetig an Popularität gewonnen hat, hat die Zahl der Pilger auch enorm zugenommen und viele Herbergen stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Außerdem fällt mir auf, dass es hier in Galizien viel weniger private Herbergen gibt und somit nur die offiziell galizischen Herbergen bleiben.


Als wir die Herberge in Mélide erreichen, wird mir zum ersten Mal deutlich, wie dieses Problem praktisch aussieht. Obwohl Elisabeth und ich nicht spät ankommen, sitzen bereits einige Pilger vor der Herberge und warten auf deren Öffnung. Es werden dann auch schnell mehr, doch wir bekommen einen Platz. Es wird aber auch deutlich, welch ein Kontrast zu unserer gestrigen Unterkunft besteht. Hier geht alles wie am Fließband, der Ton ist rauh und obwohl alles einigermaßen sauber ist, mangelt es an heißem Wasser. Hier sind es schließlich auch schon 130 Betten und nicht mehr nur zehn, wie gestern. Hinzu kommt, dass in der Luft ein etwas beißender oder benebelnder Geruch von Desinfektionsmittel hängt, der zwar einerseits beruhigt in der Hoffnung, es wurde nicht nur als Raumspray benutzt, sondern auch zum Putzen. Andererseits aber hat das nun so gar nichts mit Pilgerromantik zu tun. Dennoch bin ich dankbar, einen Schlafplatz bekommen zu haben.


Nach einer Stärkung und etwas Ruhe, erkunden ich mit Elisabeth ein wenig die Stadt. Hier geht es sehr hektisch zu. Es herrscht reger Autoverkehr und viele Leute sind unterwegs. Da unser Wanderführer Mélide als ein bekanntes Zentrum des Pulpo Gallego ausmacht, nehmen wir uns vor, hier eine Pulperia aufzusuchen und ihn zu probieren. Der Pulpo Gallego ist die regionale Spezialität Galiziens – gekochter Krake, der in dafür bestimmten Restaurants – Pulperia – zubereitet und serviert wird. Dabei wird der Octopus in einen kochenden Sud gegeben, anschließend mit einer Schere zerschnitten und mit grobem Salz und scharfem Paprikapulver bestreut und mit einer Marinade aus Essig, Öl und Kochsud übergossen. Dazu nehmen wir spanischen Rotwein und ein wenig Weißbrot. Sicher sieht es etwas barbarisch aus, wie das Tier zerschnitten wird und auch an die Saugnäpfe auf dem Teller muss man sich gewöhnen, aber es schmeckt ganz hervorragend. Kurze Zeit später gesellt sich ein Spanier namens Antonio zu uns an den Tisch und bietet uns von seinem Rotwein an. Daraus entwickelt sich dann ein abendfüllendes Gespräch über die unterschiedlichsten Themen. Die ist eine linguistische Meisterleistung, denn Antonio spricht kein Deutsch und wir beide nur wenige Brocken Spanisch. Dennoch schaffen wir es, uns recht gut zu verständigen, wobei der Erfolg vielleicht auch dem Wein geschuldet ist. Es ist zwar anstrengend, so den ganzen Abend nach den passenden Worten zu ringen und sich mit Händen und Füßen zu verständigen und dies in einem doch recht lautstarken Restaurant, aber die daraus resultierende Gemeinschaft tröstet über so manche Enttäuschung in der Herberge hinweg und so findet der Tag doch einen recht angenehmen Ausklang.

Samstag, 16. August 2008

Etappe 31: Von Ferreiros nach Ligonde

Es ist Donnerstag, der 24. August 2007.

Nach einer ruhigen Nacht in der vollen Herberge breche ich morgens zusammen mit Elisabeth in der Dunkelheit auf. Wir folgen den kleinen Straßen und Wegen durch die galizische Landschaft, die sich uns zu diesem Zeitpunkt mehr durch Geräusche, als durch visuelle Eindrücke vermittelt. Der Wind zieht leise durch die Bäume, in den Wäldern ruft ein Uhu beständig und scheint uns auch zu begleiten. Elisabeth trägt eine dieser Lampen auf dem Kopf, die mich so an Grubenlampen erinnern und damit kann sie den Weg wesentlich besser ausleuchten als ich mit meiner kleinen schwachen Taschenlampe. Auch der Himmel kann kein Licht spenden, denn es ist bewölkt und feucht, wenngleich es nicht regnet.
An einer Weggabelung suchen wir beide dann geschlagene zehn Minuten nach einem Hinweis auf den richtigen Weg. Der Wanderführer ist hier nicht eindeutig und weit und breit sind keine Pfeile zu erkennen. Dann aber findet Elisabeth den Pfeil und wir können uns beruhigt weiter auf den Weg durch Wälder und kleine galizische Gebirgsdörfchen machen. Die steinernen Häuser sind meist sehr alt und oft auch ein wenig verfallen. Dennoch sie strahlen dabei eine ganz angenehme Bescheidenheit aus, die mich fasziniert.
Kurz bevor wir die nächste größere Stadt Portomarín erreichen, kommen wir an einem Kilometerstein vorbei, der noch 91 km bis nach Santiago anzeigt. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann gestern wohl die 100 km Marke passiert haben muss, habe sie aber offenbar übersehen. Ganz egal, denn mein Wanderführer informiert, dass es bei jenem Kilometerstein eigentlich noch 109 km sind bis Santiago und somit machen Elisabeth und ich an diesem Stein kurz Halt, der zwar nur noch 91 km anzeigt, es aber wohl eigentlich nun noch 100 km bis zum großen Ziel sind.
In der Ferne können wir auch schon einige sehr tief hängende Wolken erkennen. Es ist ein etwas ungewöhnlicher Anblick, eine so hartnäckige Wolkenfront zu sehen, die sich scheinbar nicht weiterbewegt; es ist wie ein Nebelvorhang, der uns den Blick auf Portomarín verstellt.
Danach geht es erst recht steil bergab, bevor wir an der Brücke über den Rio Mino stehen. Nun wird klar, warum die Wolken hier hängen. Sie haben sich über dem Fluss an den Hängen festgesetzt und ziehen nicht weiter. Gleich hinter der Brücke aber erscheint nun Portomarín, das sich in einem morgendlichen Dunst an den Hang schmiegt.



In Portomarín suchen wir uns ein schönes Café zum frühstücken aus. Von hier aus haben wir einen wunderbaren Blick hinunter auf den Fluss und kurz darauf stoßen auch Doro und Reinhard wieder zu uns. Nach dem Frühstück besuchen wir noch kurz die Altstadt mit der prominenten Kirche, die man Stein für Stein abgetragen und an dieser Stelle wiedererrichtet hat, als in den 1960er Jahren das alte Portomarín infolge der Stauung des Rio Mino untergegangen ist. Hier treffen wir auch den Amerikaner Jeff wieder. Er sitzt allein auf einer kleinen Mauer und sieht ziemlich niedergeschlagen aus. Er erzählt uns schließlich, dass er hier seinen Jakobsweg beenden muss, weil die Schmerzen und Wunden an seinen Füßen nicht besser werden. Seine Mutter und Schwester sind bereits weitergegangen und er wird nun erstmal einen Freund in Spanien besuchen und sich dort ein wenig ausruhen. Der arme Kerl tut uns allen sehr leid und wir versuchen, ihn wenigstens ein wenig aufzubauen. Mich berührt es auch, schon wieder jemanden zu treffen, der aufgrund gesundheitlicher Probleme seine Reise abbrechen muss. Es ermahnt mich aber gleichzeitig auch zur Dankbarkeit über meinen guten physischen Zustand.



In Portomarín verlassen wir Dorothee und Reinhard wieder und ich ziehe mit Elisabeth weiter. Später treffen wir uns dann kurz vor Hospital da Cruz noch einmal und laufen ein kurzes Stück gemeinsam. Landschaftlich ändert sich nicht viel; weiter geht es durch etwas hügeliges Gelände, manchmal entlang der Straße, manchmal auf kleinen Pfaden zwischen Feldern und durch Wälder. Allerdings ist es mittlerweile wieder recht warm, doch bis Ligonde ist es noch ein Stück. Da die Herberge dort im Wanderführer empfohlen wird, habe ich mir dieses Ziel gesetzt und Elisabeth begleitet mich weiter, so dass wir uns in den gemeinsamen Gesprächen etwas besser kennenlernen. Ihre Gesellschaft empfinde ich als sehr angenehm, weil sie so ein ausgeglichener, bedächtiger und auch tiefsinniger Mensch ist; nicht jemand, der einem ständig das Ohr zuquasselt, sondern mit dem man auch einmal schweigen kann. Außerdem macht es mir unglaubliche Freude, die Unterschiede im Vokabular des Österreichischen vom Deutschen herauszufinden. Wir haben dabei so viel Spaß und ich muss oft schmunzeln oder gar lachen, weil die Österreicher so eine galante Form der Sprache pflegen. Viele Worte würden in Deutschland wohl als altmodisch bezeichnet werden, aber genau das ist so wunderschön stimmig mit dem, was ichvvon Österreich sonst so kenne – Kultur, Kaffeehäuser, Gemütlichkeit, Stil. So lerne ich, dass ein Stift oder Kugelschreiber im Österreichischen einfach ein „Schreiber“ ist, dass Kleidung oder Kleid dort ein „Gewand“ ist, dass das Hackfleisch dort „Faschiertes“ heisst und der Fleischer oder Metzger bei unseren Nachbarn „Fleischhauer“ genannt wird (etwas martialisch, wie ich gestehen muss).
Als wir dann am frühen Nachmittag Ligonde erreichen, sitzen bereits einige Leute vor der kleinen Herberge. Einen davon erkenne ich als Tony, den älteren Norweger, den ich in Cacabelos kennengelernt hatte. Die anderen drei sind junge Amerikaner, welche die Herberge als Hospitaleros betreuen. Tony begrüsst uns herzlich und die anderen bieten uns gleich etwas zu Trinken an und nehmen uns sehr freundlich auf. Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass hier circa sechs bis acht Hospitaleros tätig sind. Sie sind alle Amerikaner und kommen von einer christlichen Organisation, die in Barcelona am Campus caritativ-missionarisch tätig ist. Alle sind sehr jung, viele ungefähr in meinem Alter und manche haben sogar ihre kleinen Kinder dabei. So wirkt alles wie eine Großfamilie hier und mir gefällt es auf Anhieb sehr gut. Da die Herberge auch nur neun Plätze hat, bleibt alles sehr übersichtlich und gemeinschaftlich. Es gibt sogar richtige Betten – keine Stockbetten – mit richtigem Bettzeug, so dass wir unsere Schlafsäcke nicht brauchen. Es ist fantastisch und am liebsten würde ich hier noch eine Woche bleiben. Am Nachmittag werden wir eingeladen, in der Garage einen Jesus-Film anzusehen. Es ist wie Kino, mit Beamer und Leinwand und obwohl ich den Film aus den 60er Jahren schon kenne, schaue ich ihn mir gerne nochmal an. Die Herbergsgäste sind nun auch wunderbar international, neben mir als Deutschem und Elisabeth als Österreicherin gibt es noch Tony aus Norwegen (der übrigens auch noch sehr gut Niederländisch spricht), zwei Damen aus Dänemark und ein paar Spanier. Beim anschließenden Abendessen, welches die Hospitaleros liebevoll zubereitet haben, sitzen wir alle tatsächlich wie eine große Familie zusammen und es gibt Gelegenheit, sich in Gesprächen auszutauschen. Ich unterhalte mich lange mit Marrty und seiner Frau Angela, die beide Hospitaleros sind und mit José Manuel, einem jungen spanischen Pilger. Dieses Gespräch ist wunderbar und tut meiner Seele gut. Wir unterhalten uns über den Jakobsweg, ziehen Parallelen zwischen diesem Weg und dem Weg durch das Leben, tauschen Erfahrungen und Wahrnehmungen aus, sprechen in der Tat über Gott und die Welt. Dabei fühle ich mich meinen Gesprächspartnern geistig so verbunden, dass ich tatsächlich das Gefühl bekomme, mich mit Geschwistern zu unterhalten. So könnte der Abend endlos weitergehen und wir bedauern es alle, dass wir gegen 22:30 Uhr doch die Nachtruhe einläuten müssen. Was für eine wunderschöne Herberge – wahrlich ein Stück Himmel auf Erden und ein schönes Beispiel dafür, wie sich der eigentliche Sinn eines Pilgerweges mit Gott in Herberge und in der Begegnung mit Menschen realisieren kann. Es tut mir aufrichtig leid, morgen wieder weiterziehen zu müssen.

Freitag, 15. August 2008

Etappe 30: Von Samos nach Ferreiros

Es ist Mittwoch, der 22. August 2007.

Gegen 6 Uhr morgens verlasse ich das Kloster von Samos und begebe mich wieder auf den Weg durch die Dunkelheit. Es ist erstaunlich warm so früh morgens, stelle ich fest. Als ich den Ort dann verlasse, folge ich der Straße, die nun aufgrund der fehlenden Straßenlichter ganz dunkel ist. Bisweilen bekomme ich eine Art Tunnelblick und kann nur nach vorn sehen, weil links und rechts nur Finsternis ist, in der sich wahrscheinlich dicht bewaldete Berge erheben. Wenig später beginnt es zu regnen und nun wird es wirklich unangenehm. Ich muss meine Regenjacke anziehen obwohl es an sich recht warm ist. Infolgedessen fange ich wieder an zu schwitzen und bin somit doch auch wieder von innen nass. Da macht der Weg dann gerade wieder keinen großen Spaß. Außerdem bekomme ich nun wieder Hunger und der Weg entlang der Straße ist trist und manchmal auch frustrierend, vor allem wenn Autos oder LKWs entgegen kommen und kaum ausweichen. Ich verziehe mich dann schon immer an den äußersten Rand oder laufe hinter den Leitplanken; die vorbeifahrenden Fahrzeuge schleudern dennoch etwas Regen von der Fahrbahn auf mich. Jetzt sehne ich mich nach dem ersten Zwischenstopp in Sarria. Gegen 9 Uhr habe ich diese Stadt dann auch erreicht, aber es regnet nun stärker und es ist richtig unangenehm. Also beschließe ich, erstmal mein obligatorisches Frühstück einzunehmen und setze mich in ein Café. Irgendwie hoffe ich auch, ein paar Bekannte zu treffen, Clare und Thomas zum Beispiel, weil diese unschöne Etappe in Gemeinschaft einfach besser zu ertragen ist. Nach einigen Minuten kommt eine deutsche Pilgerin namens Dorothee aus Darmstadt ebenfalls in das Café und frühstückt. Sie gesellt sich zu mir und wir reden kurz miteinander. Als ich dann wieder aufbreche, hat der Regen nachgelassen und kurzzeitig sogar aufgehört. Noch immer ist es aber schwülwarm. Hinter Sarria geht es dann wieder durch die Natur und somit wird der Weg auch angenehmer. Dennoch, immer wieder fängt es an zu regnen und es sind bedenklich viele Pilger unterwegs. Kaum noch gibt es einen Ort, an dem man wirklich allein wandert.


Kurz vor Ferreiros, meinem heutigen Etappenziel, treffe ich dann auch wieder auf Heidi, Anka und Lois und nach der nun etwas längeren Pause von ihnen, laufe ich gerne wieder ein Stückchen mit ihnen gemeinsam. Da die drei aber heute noch bis Portomarin wollen, trennen sich unsere Wege bald wieder und ich warte am Mittag vor der einsamen Herberge vor Ferreiros. Bis eine nette ältere Dame die Herberge öffnet, bleibe ich auch der einzige Pilger dort und so geht alles ganz entspannt weiter. Ich kann endlich aus den nassklammen Klamotten raus und habe die Dusche mit dem warmen Wasser auch ganz für mich. Aber schon als ich fertig bin mit Duschen, kommen weitere Pilger an und am Nachmittag ist die Unterkunft auch schon so voll, dass viele Pilger weitergeschickt werden müssen. Einige werden sogar von Pensionsinhabern mit dem Auto abgeholt. Diese Situation alarmiert mich und nun sehne ich mir das Ziel Santiago doch ein wenig herbei, damit die Angst um Herbergsplätze bald ein Ende hat. Schön ist allerdings, als unter den frühen Pilgerankömmlingen in Ferreiros mir drei bekannte Gesichter sind: Elisabeth aus Österreich, Reinhard aus Deutschland und die heute erst kennengelernte Dorothee aus Darmstadt spazieren gemütlich herein. Da wir uns hier in ziemlicher Einöde befinden, lernen wir uns in Gesprächen etwas besser kennen und gehen am Abend in ein kleines Restaurant um die Ecke um wieder einmal ein Pilgermenü zu genießen. Damit endet wieder eine Etappe, knapp hundert Kilometer vor Santiago.