Dienstag, 12. August 2008

Etappe 27: Von Cacabelos nach Ruitelán

Es ist Sonntag, der 19. August 2007.

Die Nacht in der Zweierkabine war sehr ruhig und angenehm. Entsprechend gut ausgeruht kann ich morgens in Cacabelos starten und mich wieder auf den Weg machen. In der Dunkelheit folge ich dabei weitestgehend der Straße nach Villafranca del Bierzo. Im Morgengrauen komme ich in dieser schönen Stadt mit einer Burg und vielen schönen Kirchen an. Da sie von Bergen umgeben ist und sich selbst an diese anschmiegt, wirkt alles sehr malerisch. Hinter Villafranca gibt es angeblich zwei Alternativen, den Weg weiterzugehen: den normalen Camino und den Camino Duro, also den harten Weg, der viele extreme Steigungen und Abstiege an den Berghängen beinhaltet. An sich hatte ich mir vorgenommen, den harten Weg zu gehen (wenn schon, dann richtig und Reserven hätte ich auch noch) aber irgendwie scheine ich den entsprechenden Abzweig verpasst zu haben. Schade! So geht es nun in tiefen Tälern weiter entlang einer kaum befahrenen Straße. Leider ist unser Weg aber sozusagen in Beton gegossen; der Untergrund ist betoniert und in einer abstoßendenen gelben Farbe gestrichen, und rechts schützt uns eine Betonbarrikade vor den Autos. Das ganze trübt das Wegerlebnis ein wenig und dabei könnte es so schön sein, mit den bewaldeten Bergen, die sich links und rechts von uns in die Höhe erheben. Dabei scheint die Sonne nur selten durch Lücken des Bergkammes in das Tal.




Als ich den kleinen Ort Pereje passiere, sehe ich die beiden Engländerinnen aus Molinaseca in einem Cafégarten sitzen und frühstücken. Wir müssen alle lachen und rufen uns nur schnell ein „Good Morning Mr. Darcy!“ in Reminszenz an Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ zu und ich ziehe weiter. Kurz danach treffe ich auf weitere Bekannte von der Insel, nämlich Thomas und Clare, die offenbar gestern doch nicht so weit gelaufen sind, als geplant. Ich freue mich riesig, sie wiederzusehen und wir laufen nun gemeinsam. Clare geht es noch immer nicht gut mit ihrem Knöchel und außerdem hat sie sich den Magen ein wenig verdorben. Ich leihe ihr meinen Wanderstock und biete ihr ein paar homöopathische Pillen gegen die Bauchschmerzen an. Dabei erfahre ich, dass Thomas und Clare beide Ärzte sind. Sie fühlen sich aber nicht durch mein Angebot gekränkt, sondern nehmen es dankbar an. Im nächsten Ort werden dann sogar wieder Wanderstöcke in einem kleinen Laden angeboten und Thomas schlägt hier auch zu. So laufen wir gemeinsam weiter und lernen uns dadurch auch ein wenig besser kennen. Ich empfinde die Anwesenheit der beiden sehr angenehm. Bei unserem Laufen in den Tälern stoßen wir immer wieder auf riesige Betonpfeiler, die eine Autobahn stützen, die uns in etlichen Meter überquert. Entweder die Autobahn ist wenig befahren oder sie ist tatsächlich so hoch, dass man den Verkehr nicht hört. Die Pfeiler wirken dabei wie seltsame Fremdkörper, die so gar nicht in diese Landschaft passen, fast als wären riesige außerirdische Dreibeiner hier gelandet und hätten ihre Füße in die Täler ausgestreckt.




Gegen Mittag erreichen wir den winzigen Ort Ruitelán in den Bergen und hier hatte ich mir vorgenommen, die Herberge anzusteuern. Thomas und Clare entscheiden sich, ebenfalls hier zu bleiben und so warten wir gemeinsam mit ein paar anderen Pilgern auf das Öffnen der Herberge. Es ist ein ganz gemütliches kleines Häuschen. Wir drei werden unter dem Dach schlafen und der Hospitalero Carlos schaut sich auch gleich Clares Knöchel an. Alles ist etwas sehr spirituell angehaucht hier, aber nicht aufdringlich, sondern eher offen, so dass man christliche, esoterische und fernöstliche Elemente von Religiosität findet. Da die Herberge nur einige Pilger aufnimmt, bleibt alles auch sehr übersichtlich und es kommt nach kurzer Zeit eigentlich mehr das Gefühl einer großen WG auf. So lernen wir bald auch eine amerikanische Frau kennen, die zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Sohn unterwegs ist, wobei der Sohn offenbar heftige Probleme mit den Füßen hat. Auch ein französischer Priester, der in Ägypten arbeitet, namens Jean-Jacques ist hier, ebenso wie die Österreicherin Elisabeth und ein Deutscher namens Reinhard. Vor allem bei einem sehr liebevoll angerichteten Abendessen lernen wir uns alle ein wenig näher kennen und es herrscht eine sehr angenehme Atmosphäre. Carlos ist nicht nur ein guter Hospitalero, sondern auch ein guter Koch und ein perfekter Unterhalter, der es versteht, all seine Gäste in die Gemeinschaft einzubinden. Außerdem ist er auch noch Masseur und da auch ich nach wie vor Schmerzen in meinen Schultern habe durch den Rucksack, melde ich mich bei ihm auch für eine Massage an. Auch Thomas und Clare wurden behandelt, halten sich aber danach etwas bedeckt und grinsen nur etwas verschmitzt. Nach dem Abendessen ruft mich Carlos dann in das Behandlungszimmer. Dort erkläre ich dann mit meinen paar Brocken Spanisch mein Problem. Er bittet mich, den Oberkörper frei zu machen und beginnt zunächst meinen Rücken zu masieren und meine Arme immer wieder etwas zu strecken und zu verbiegen. Soweit macht für mich alles noch Sinn und ist auch relativ angenehm. Dann aber beginnt er immer wieder tief zu atmen und zu pusten, als würde er mir den Staub der letzten 600 km vom Leib wegblasen wollen. Ich finde das etwas befremdlich und auch irgendwie unangenehm. Immer wieder streicht er dabei an meinen ausgestreckten Armen vorbei, ohne sie wirklich zu berühren und dann immer wieder dieses Pusten. Manchmal habe ich richtig Angst, er kippt gleich um, weil ihm die Luft wegbleibt, aber er hält wacker durch. Dann fragt er mich, ob es besser sei und ich dummer Esel sage auch noch, dass es mit der rechten Schulter nun besser sei, ich aber links noch immer leichte Schmerzen hätte. Also geht die ganze Prozedur von vorne los, nur diesmal auf der linken Seite und ich könnte mich ohrfeigen, würde er nicht dann auch noch meine Wange behandeln wollen. Warum habe ich auch nicht einfach den Mund gehalten und gesagt, dass alles wieder bestens sei! So geht das dann insgesamt eine geschlagene halbe Stunde und mir wird ganz Angst und Bange, was denn morgen bei der Abrechnung verlangt werden würde. Ich verlasse also das Behandlungszimmer des Dr. Carlos nicht wirklich in entspanntem Zustand, aber immerhin sind die Schmerzen in den Schultern vorerst verschwunden. Allerdings kann ich mir das Schmunzeln der beiden Engländer von vorhin nun doch irgendwie erklären.


(Ein herzlicher Dank an Elisabeth für die Bilder.)

Montag, 11. August 2008

Etappe 26: Von Molinaseca nach Cacabelos

Es ist Samstag, der 18. August 2007.

Aller Komfort und Modernität einer Herberge kann zunichte gemacht werden, wenn es im Zimmer einen Pilger gibt, dem ein Sägewerk implantiert wurde. Ein solches Exemplar hatten wir auch in Molinaseca wieder und seit dem Schnarcher von Los Arcos war es nicht so schlimm gewesen. Nicht nur, dass der Mann alle Bäume der Montes de León abgesägt hat in dieser Nacht, sondern alle anderen im Zimmer waren auch entsprechend genervt und taten dies durch schweres Seufzen, durch Pfeifen oder Stöhnen kund. Gegen so etwas ist man dann schließlich machtlos.

Entsprechend schlecht ausgeruht breche ich dann am nächsten Morgen wieder auf. Als ich so an der Straße entlang komme, passiere ich auch eine weitere Herberge, die auch ein paar Stockbetten im Freien aufgebaut hat. Von diesen Betten höre ich dann ein weiteres lautes Schnarchen und muss beim weiterlaufen grinsen. Ich frage mich, ob dies im Freien weniger störend ist, als in einem geschlossenen Raum.

Der anschließende Weg nach Ponferrada ist wenig spektakulär. Oft geht es an der Straße entlang und kurz vor der Stadt nehme ich eine Alternativroute durch einen verschlafenen Vorort und erreiche die Innenstadt von Ponferrada wenig später. Hier erwachen allmählich die Pilger, die hier übernachtet haben und so finde ich das eine oder andere Mal einen Anhaltspunkt, wo der Weg verläuft. Da die meisten Sehenswürdigkeiten der Stadt ohnehin noch nicht geöffnet haben und ich noch einige Kilometer vor mir habe, gehe ich zügig durch die Stadt. Die große Templerburg, an der ich aber vorbeilaufe, beeindruckt mich sehr. Sie ist geradezu eine Bilderbuchburg, wie man sie aus Märchen oder Historienfilmen kennt. Sie ist sehr groß und strahlt dabei auf ganz besonders eindrückliche Weise die Macht der Tempelritter aus, die diese einmal in dieser Region hatten. Und das, obwohl einige Teile der Burg infolge von Stadtplanungen bereits weggesprengt wurden.



Hinter der Templerburg werden es dann auf einmal deutlich mehr Pilger auf der Strecke und alle bewegen sich wie ein Strom auf dem Jakobsweg durch die Stadt. An vielen Stellen herrscht Unklarheit über den weiteren Verlauf des Weges und an einem besonders großen Kreisverkehr stehen alle, inklusive mir, ratlos und halten nach Hinweisen Ausschau. Glücklicherweise schaut aus einem der Fenster einer Wohnung ein Mann heraus und deutet in eine bestimmte Richtung. Ich treffe auch auf eine junge Frau, die mir die Richtung auf Nachfrage bestätigt und so bin ich in der Lage, den anderen ratlosen Pilgern ebenfalls den Weg zu weisen, so dass sich der Pilgerstrom wieder in Bewegung setzen kann. Danach geht es durch kleine Vororte wieder aus Ponferrada heraus. Auf dem Weg wird mir immer deutlicher, dass wir uns dem Ziel Santiago nähern, denn die Pilgerschar hat sich deutlich vergrößert. Mich stimmt das nun doch auch etwas nachdenklich und die Sorge um Herbergsplätze wächst. Viele scheinen in der Tat ihren Jakobsweg in Ponferrada zu beginnen.
Wenig später komme ich durch einen schönen kleinen Ort, an dessen Beginn ein älterer Mann steht und den vorbeikommenden Pilgern selbst gepflückte Früchte anbietet. Mir drückt er einen Apfel in die Hand und ich freue mich über diese nette Geste. Es geht weiter durch kleine Dörfer, durch Obstplantagen und Weinberge. Unterwegs stoße ich dann wieder auf einige bekannte Gesichter. Unter ihnen sind der Deutsche Ian, den ich in Villar de Mazarife schon einmal in der Herberge gesehen hatte und der richtig polyglott ist. Außerdem treffe ich auch auf Christine aus Neu-Ulm, der ich in Foncebadón begegnet war und auf ein Paar Engländer, Clare und Thomas, die ich ebenfalls schon aus Villar de Mazarife kenne. Ich laufe ein wenig mit ihnen und unsere Gruppe versteht sich recht gut. Clare hat leider Probleme mit ihrem Knöchel, wodurch sie nicht so recht vorankommt. Als wir uns dann Cacabelos nähern, wird deutlich, dass der Rest der Gruppe weniger Zeit hat als ich und somit heute auch weiterlaufen wird. Ich bedaure das, denn ich mochte die Leute sehr und hätte mir gewünscht noch ein wenig mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Da aber mein Zeitbudget so groß ist und es wenig Sinn machen würde, sich zu beeilen, entschließe ich mich, hier in Cacabelos zu bleiben. Die Herberge ist rundherum um eine Kirche gebaut und hat den Vorzug, dass sie über Zweierkabinen verfügt, was einem fast so etwas wie Privatsphäre vermittelt. Vor der Herberge lerne ich einen älteren Pilger kennen, der aus Norwegen kommt und auch schon in Frankreich losgelaufen ist. Zuerst sieht er für mich eher wie ein Penner aus, aber ich entdecke bald, dass er wirklich sehr freundlich und kameradschaftlich ist. Später kommen auch die „Fantastischen Vier“ in der Herberge an und Lili lässt sich natürlich gleich in meine noch nicht vollständig besetzte Zweierkabine versetzen. Ich bin nicht einmal böse darüber, denn von ihr weiß ich wenigstens, dass sie nicht schnarcht. Nach ausgiebiger Mittagsruhe und ein paar Einkäufen in der Stadt gehe ich dann sogar mit den „Fantastischen Vier“ etwas zu Abend essen. Dabei lerne ich sie auch etwas besser kennen und finde schließlich Heidi, die österreichische Lehrerin, Anka, die slowenische Psychologin und Lois, ihren Mann auch gar nicht so unsympathisch. Und so werden auch bei mir ein paar bestehende Vorurteile bzw. Eindrücke an diesem Abend korrigiert.

Sonntag, 10. August 2008

Etappe 25: Von Foncebadón nach Molinaseca

Es ist Freitag, der 17. August 2007.

Kurz nach 6 Uhr mache ich mich auf den Weg und bin dabei nicht der erste. Einige andere Pilger sorgen auch schon für etwas Unruhe und tragen nun dazu bei, dass die Herberge wieder lebendig wird. Ich möchte recht früh starten, um bei Sonnenaufgang am Cruz de Ferro zu sein. Als ich die Herberge verlasse wird mir gleich klar, wie kalt es draußen ist. Aber ich habe mich warm angezogen und bin bereit. Leider verläuft der Weg gleich hinter Foncebadón in einem Feld und in der Dunkelheit bin ich völlig verloren und weiß nicht, wo es jetzt weitergehen soll. Einige Meter vor mir höre ich Schritte, die von einem anderen Pilger stammen. Auch er versucht einen Weg zu finden. Ich laufe weiter und folge auch ein wenig dem Geräusch seiner Schritte, beleuchte dabei aber auch immer die Beschreibung meines Wanderführers. Tatsächlich erreiche ich bald wieder einen Feldweg, der nun weiter in die Berge führt. In voller Erwartung, das Cruz de Ferro bald auf einem Berg zu entdecken wandere ich weiter. Langsam fängt es an zu dämmern aber das Kreuz bleibt noch immer außer Sichtweite. Ich werde nervös, denn bald wird die Sonne aufgehen und so weit kann es doch gar nicht sein. Oder habe ich mich vielleicht verlaufen? Nein, plötzlich und völlig unvermittelt stehe ich vor dem Cruz de Ferro, dem wohl mystischsten Ort des Camino. Meine Erwartung an dieses Kreuz war die eines Gipfelkreuzes und daher bin ich fast ein wenig enttäuscht, als es hier eigentlich eher in einer Senke, umgeben von einer Straße und Wald so plötzlich auftaucht. Es ist ein kleines eisernes Kreuz auf einem langen Holzpfahl der auf einem kleinen Geröllhügel steht. Alles ist sehr simpel, aber in der nun wachsenden Morgendämmerung spüre ich die geheimnisvolle Stimmung dieses Ortes. So genau weiß man nicht, woher dieses Kreuz stammt: war es ein römisches Wegezeichen oder ein Altar für den römischen Gott Merkur der später durch Christen übernommen wurde oder war es ein spanisches Grenzzeichen? Wie auch immer, dieser Ort hat eine ganz seltsame Stimmung. Viele Pilger seit hunderten von Jahren legen hier am Cruz de Ferro einen Stein ab, den sie von zu Hause mitgebracht haben. Es soll symbolisch für das Ablegen einer Seelenlast stehen. Ich wußte vor meiner Abreise nichts von diesem Ort und habe daher auch keinen Stein mitgenommen. Und als ich davon erfuhr, fand ich es unangebracht, irgendwo einen Stein aufzulesen um ihn dann hier abzulegen nur der Tradition wegen. Nun aber, da ich vor diesem Pfahl mit dem Kreuz stehe, in der Kälte dieses Morgens, umgeben von Dunkelheit und dem heranbrechenden Tageslicht, wird mir klar, dass es hier nicht nur um Tradition geht. Es geht hier um die Kraft der Erlösung, etwas Belastendes, das unser Denken, Fühlen und unsere Wahrnehmung im Leben blockiert, eine Schuld oder eine Erfahrung hier loszuwerden. Der Stein symbolisiert dies nur, viel wichtiger ist es, dies ganz persönlich und gedanklich, vielleicht verbunden mit einem Gebet, hier abzulegen und tatsächlich zurück zu lassen. Es ist dann mit Verlassen dieses Ortes weg, so wie die Sünde verschwunden ist, wenn sie uns von Christus vergeben ist. Es mag überzogen klingen, aber damit kann ein solcher Ort, wie das Cruz de Ferro für einen Moment zu einem ganz persönlichen Mittelpunkt der Welt werden. Ich verbringe dank dieser Erkenntnis auch eine ganze Weile vor dem Kreuz und lege schließlich aus Überzeugung einen kleinen Stein ab, den ich seit Jahren an meiner Halskette getragen habe. Es fällt mir schwer ihn hier zurückzulassen und doch fühle ich mich befreit, als ich das Cruz de Ferro im Sonnenaufgang wieder verlasse.



Der nun folgende Abschnitt des Weges ist einer der schönsten des gesamten Weges. Auf angenehmen Waldpfaden geht es durch die Montes de León. Die Sonne scheint, es ist angenehm still und der Blick in die Berge ist fantastisch. Überall erhebt sich das Gebirge und ist scheinbar mit einem samtenen Teppich überzogen. Dieser Anblick lässt mein Herz förmlich hüpfen und genau in diesem Moment macht der Jakobsweg riesigen Spaß. In der Ferne kann ich schon die Stadt Ponferrada erkennen, aber die Natur hier um mich herum gefällt mir viel besser.



Nach einem steinigen und steilen Abstieg erreiche ich den kleinen Ort El Acebo und benutze die Gelegenheit für ein weiteres spanisches Frühstück. Danach geht es weiter in Richtung Molinaseca an teils steinigen, teils grünen Berghängen hinab. An manchen Stellen kann man dabei noch die Folgen von Waldbränden erkennen.


Als ich Molinaseca erreiche, erkenne ich an einigen Schildern, dass derzeit die Fiesta del Agua im Gange ist, also eine riesige Wasserschlacht. Einige der Jugendlichen stehen mit Wassereimern an einer Brücke, die ich überqueren muss und ich befürchte schon, dass ich eines ihrer Opfer werden könnte. Scheinbar gehört es nämlich dazu, sich gegenseitig mit einem Eimer Wasser zu übergiessen. Naja, duschen möchte ich ja eh, daher wäre das nicht so problematisch. Ich habe aber eher Angst um meine Ausrüstung. Die Jungen lassen mich aber ohne Erfrischung passieren. Hingegen sieht man in den Straßen überall Pfützen und nasse Flecken, die auf eine lange und intensive Nacht hindeuten. Als ich so durch die Straßen der gemütlichen kleinen Stadt laufe, kommt mir ein Traktor mit Anhänger entgegen, auf dem einige Leute stehen und laut rufen. Mehrfach halten sie und Leute kommen mit Schüsseln, Tassen und ähnlichen Gefäßen heraus und lassen sie sich befüllen. Als mich die Prozession erreicht, rieche und merke ich, dass diese Leute Kakao verteilen und freue mich sehr, als mich die Leute auf dem Anhänger sehr freundlich begrüßen und mir einen Plastikbecher mit leckerem warmen Kakao reichen, der zweifellos in mühevoller Arbeit selbst gekocht wurde. Was für ein netter Empfang! Wenig später, etwas am Ortsausgang, finde ich eine Herberge, die sehr neu und modern zu sein scheint. Da sie noch nicht geöffnet ist, setze ich mich auf eine Bank davor. Schon wenige Minuten später kommt der Hospitalero Feliz und lässt mich ein. Er ist sehr nett und zeigt mir alles. Dabei erklärt er mir, dass diese Herberge erst seit zwei Monaten existiert und entsprechend neu und unverbraucht ist alles. Es gibt keine Stockbetten, alles ist sehr sauber, die Duschen sind sehr modern. Ich freue mich, wieder so gut untergekommen zu sein und ruhe mich schließlich ein wenig aus. Später kommen andere Pilger an, zu denen auch die „Fantastischen Vier“ gehören. So bezeichne ich mittlerweile Lili, Heidi und die beiden Slowenen. Wie sich herausstellt, ist ihre Gesellschaft hier aber gar nicht so unangenehm. Mit Lili gehe ich später sogar noch in die Stadt um etwas zu essen und einzukaufen. Die anderen drei sehe ich nur selten. In unserem Zimmer sind auch zwei junge Engländerinnen untergebracht, von denen eine gerade Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ liest. Ich erinnere mich an die alte BBC-Verfilmung des Buches und Lili hat den kürzlich erschienenen Kinofilm gesehen und so frischen wir alle unsere Erinnerungen an das Buch wieder auf und haben dabei eine Menge Spaß. Als wir schließlich schlafen gehen, zeugen laute Feuerwerksböller in der Stadt von der sich fortsetzenden Fiesta. Das aber wird nicht die einzige Unruhe der Nacht sein.

Samstag, 9. August 2008

Etappe 24: Von Astorga nach Foncebadón

Es ist Donnerstag, der 16. August 2007.

Ich breche wieder recht früh in der Herberge auf. Das hat sich mittlerweile schon so bei mir eingependelt, dass ich auch gar nicht viel länger liegen bleiben könnte, selbst wenn ich wollte. Außerdem verleiht mir dieser frühe Aufbruch auch Sicherheit, denn so kann ich mir genügend Zeit auf dem Camino lassen, den immer schönen Sonnenaufgang und die Morgenstimmung genießen, der eventuell heißen Mittagssonne weitestgehend entkommen und am Ende auch noch einen guten Platz in einer Herberge bekommen. Aber ich merke auch, dass in mir der Gedanke der Zivilisation steckt: je früher ich mit der Tagesarbeit beginne, desto früher bin ich damit fertig und kann mich entspannen. Nun ja, ob die jeweilige Tagesetappe dann wirklich Arbeit ist oder mehr Genuss hängt dann ganz von der Strecke ab. Im Moment ist es wieder reiner Genuss, denn auch meine Füße haben sich nun wieder stärker erholt und im Moment habe ich wenig Probleme mit Blasen.


Der Weg aus Astorga ist dank der Straßenlaternen recht einfach, danach geht es eine ziemlich lange Zeit an einer Straße entlang, die aber zu dieser Zeit völlig unbefahren ist. Wenig später habe ich in der Dunkelheit dann wieder einmal ein kleines Orientierungsproblem und weit und breit ist auch kein anderer Pilger zu sehen, der mir durch sein Laufen einen Hinweis auf den richtigen Weg geben kann. Ich gehe dann einfach auf dem meiner Meinung nach richtigen Weg weiter, aber ich bin doch unsicher und schaue immer wieder nach gelben Pfeilen oder anderen Hinweis aus. Bald danach erreiche ich das verschlafene Nest Murias de Rechivaldo und damit weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Von nun an geht es wieder quer durch die offene Landschaft und wenn ich den Blick zurück wende, kann ich Astorga noch in der Ferne erkennen. An einer Stelle des Weges, die recht eindeutig ist – weit und breit gibt es keine Abzweigung – haben ein paar Pilger einen Steinpfeil auf den Weg gelegt, also aus vielen kleinen Steinen einen großen Pfeil geformt. Obwohl der hier so nutzlos erscheint, hat er etwas fürsorgliches und stimmt mich doch auch froh. Wenige Momente später geht die Sonne wieder in einem wunderschönen Naturschauspiel auf. Kurz darauf erreiche ich den Ort Santa Catalina de Somoza und gönne mir hier wieder mein kleines spanisches Frühstück. Als ich fertig bin und wieder wandere, herrscht eine wunderbar entspannende Morgenstimmung: blauer Himmel, in der Ferne bereits die Montes de León, die Sonne scheint, es ist angenehm frisch. Diese Stimmung und die Vorfreude auf die Berge machen mich so leicht, dass ich hier anfangen könnte zu singen. Naja, ich traue mich dann doch nicht und summe wenigstens ein bisschen vor mich hin. Von nun an wird es sehr abwechslungsreich. Immer wieder geht es entweder auf der Straße oder kleinen Pfaden daneben weiter, kleinere Berge hinauf, durch schattenspendende Wälder und durch weite Ebenen. Die Ausblicke, die ich dabei immer wieder zu Gesicht bekomme, sind wunderschön.




Nach einer ganzen Weile erreiche ich Rabanal del Camino, der letzte größere Ort vor dem Aufstieg in die Montes. Hier decke ich mich noch einmal mit Lebensmitteln ein bevor es weiter nach Foncebadón geht. Am Ortsausgang mache ich aber noch eine kleine Pause um mich ein wenig zu stärken. Dabei begegne ich einem anderen jungen Pilger, namens Harald. Er sieht ein wenig wie ein Wurzelzwerg. Er ist ebenfalls aus Deutschland und in unserem kurzen Gespräch kommt heraus, dass er aus Coburg kommt und sogar dort schon losgelaufen ist. Wie klein die Welt doch ist, bin ich doch im Rahmen meiner Tätigkeit am Lehrstuhl des Öfteren in Coburg. Harald ist auch schon einige Monate unterwegs, will auch noch weiter bis nach Santiago und dann vielleicht in La Coruna auf einem Schiff anheuern, das ihn wieder zurück nach Deutschland nimmt. Auch hält er nicht so viel vom Übernachten in Herbergen, sondern bleibt lieber im Freien, wenn er kann. Unglaublich, denke ich mir. Das ist schon eine beeindruckende Leistung und sozusagen eine Potenzierung meines Abenteuers hier. Wir verabschieden uns schließlich und ich laufe weiter, nun wirklich in die Berge. Das wird auch gleich deutlich, denn es geht steil voran, dabei aber auf gemütlichen kleinen Wiesenpfaden. Manchmal komme ich an Tränken vorbei, die offenbar für das Vieh gedacht sind und ich fühle mich ein wenig wie Heidi auf der Alm. Der Blick in Richtung Berge und in die Täler ist sehr schön.



Nach einer guten Stunde kommt Foncebadón in Sicht. Das Ziel ist erreicht und dieses Ziel ist ein Kuriosum und wohl einzigartig auf dem Weg. Foncebadón zählt normalerweise nur fünf Einwohner und besteht größtenteils aus verfallenen alten Steinhäusern. Einst, vor vielen hunderten von Jahren wurde hier eine Herberge gegründet um die Pilger vor dem beschwerlichen und gefährlichen Weg durch die Montes de León rasten zu lassen. Bald darauf wurde ein Kloster gegründet und der Ort stand unter besonderem königlichen Schutz. In moderner Zeit aber starb der Ort aus, die Häuser verfielen und der Wind war der ständige Gast hier. Heute aber wohnen wieder einige Leute hier und mit dem Strom der Pilger dürfte sich die Zahl der Einwohner von Foncebadón wohl um das 20fache ansteigen. In der Tat herrscht in diesem Dorf der Ruinen eine ganz außergewöhnliche Stimmung. Fast meinte man, eine Zeitreise zurück in das 12. Jahrhundert unternommen zu haben.



Es herrscht Stille, der Wind fegt durch die verfallenen Häuser, ein Hund liegt ruhig vor einem der bewohnten Häuser, auf dem Feld ein paar Pferde und in der Ferne klingeln die Glöckchen einiger Schafe. Nur die Wolken, die vom Gebirge über den Ort ziehen, trügen ein wenig das Gefühl, die Zeit wäre stehen geblieben. Es ist geheimnisvoll hier, ja fast mystisch. Erst als ich vor der Herberge ein paar Mitpilger treffe, weicht dies ein wenig. Wir sind nun doch alle ziemlich erschöpft und ich bin froh jedem etwas Gutes tun zu können, indem ich meine Schokolade aus Astorga verteile (die mir ohnehin nicht so gut geschmeckt hat). Gemeinsam warten wir, dass die Herberge öffnet. Einige Pilger warten mit uns, andere ziehen vorbei. Später kommt auch der Ulmer Steffen dazu und wartet ebenfalls. Gegen 14 Uhr kommt ein etwas garstiger alter Mann und empfängt uns. Von mir verlangt er sofort nach Aufnahme meiner Daten die Spende und gemessen am niedrigen Standard der Herberge gebe ich zu viel. Das Wasser in den Duschen ist nicht wirklich warm, die Herberge selbst ist auch kalt und da wir hier im Gebirge sind und mittlerweile ein kühler Wind Einzug gehalten hat, ist uns allen nun recht kühl. Der Nachmittag vergeht nur langsam, denn die Zeit scheint hier in der Tat anders zu verstreichen. Manchmal ist es richtiggehend langweilig, dafür füllt sich aber unsere Herberge immer weiter und ist bald schon voll, so dass spät ankommende Pilger auch schon mal weitergeschickt werden müssen. Ein paar Pilger und der garstige Hospitalero machen ein Abendessen, das wir später gemeinsam einnehmen. So herrscht wieder etwas Gemeinschaftsgefühl. Am Rande des Ortes entdecke ich einen für mich himmlischen Ort. An einem kleinen Teich steht ein großes Holzkreuz und dort ist man mit dem Himmel und mit sich ganz allein. Ich beobachte die vorbeiziehenden Wolken, schaue hinunter in den Ort und zum verfallenen Kirchturm, höre dem leisen Klingen der Schafsglöckchen zu. Vor mir liegen die Berge, die Herausforderung der morgigen Etappe und irgendwo dazwischen das berühmte Cruz de Ferro.

Freitag, 8. August 2008

Etappe 23: Von Villar de Mazarife nach Astorga

Es ist Mittwoch, der 15. August 2007.

Am Morgen fällt es mir doch ein wenig schwer, die Herberge und den netten Ort zu verlassen. Außerdem scheint mir die kurze gestrige Etappe und damit verbundene längere Ruhezeit nicht gut bekommen zu sein, denn mir fällt das Laufen heute schwer.

Die Landschaft ist aber jetzt wieder sehr angenehm und abwechslungsreich. Allerdings höre ich in der Morgendämmerung immer wieder ein fernen Rumpeln und zuerst denke ich an Donner, aber da kaum Wolken am Himmel sind, kann ich ein Gewitter ausschließen. Je weiter ich gehe, desto deutlicher wird es und bald erkenne ich, dass es Schüsse sind, die scheinbar überall in den hohen Maisfeldern fallen. Hier und da sehe ich auch einige Landrover am Rande stehen und schließe daraus, dass hier offenbar gejagt wird. Etwas komisch ist mir aber schon, denn die Schüsse fallen immer wieder und in allen Richtungen ohne dass ich dabei einen der Jäger erblicke. Manchmal kommt es mir sogar wie Gefecht vor, so oft knallt es. Ich halte mich immer schön am Weg und dennoch vertraue ich der ganzen Sache nicht ganz. Was, wenn ein Schuss in Richtung Weg abgefeuert wird? Ich bin sehr erleichtert, als ich kurz vor Hospital de Orbigo eine große Straße überquere und in den Ort komme, denn nun hören die Schüsse auf. Dann bemerke ich auch die Stelle, an der sich die beiden Wege, die sich hinter La Virgen del Camino getrennt hatten, wieder vereinigen. Schon wird das Pilgeraufkommen auch wieder etwas dichter.





Hospital de Orbigo ist ein angenehmer Ort mit einer malerischen alten Steinbrücke. In einem Café gleich daneben genehmige ich mir mein Frühstück. Dort treffe ich auch den Deutschen Steffen wieder, von dem ich erfahre, dass wohl die meisten aus der „italienischen Welle“ den Weg an der Straße gelaufen sind. Nach zwei Croissants und einem Cafe con leche breche ich wieder auf und wandere weiter gemütlich durch die Landschaft.Die Sonne scheint aber es ist nicht zu heiß. Hinter Hospital geht es dann ein paar Hänge nach oben auf kleinen Pfaden entlang. Als der nächste kleine Ort Santibanez de Valdeiglesias in Sicht kommt und ich mich ihm nähere, beginnen gerade die Glocken zu läuten. Ich werte dies als ein Willkommenszeichen und verspüre just in diesem Moment eine tiefe Dankbarkeit dafür, auf diesem Jakobsweg laufen zu können. Da fallen mir wieder einige Momente mit den Dänen ein und was sie gesagt haben, über die kleinen Dinge, über die man sich hier so freuen kann, die man aber im normalen Alltag oft schon nicht mehr wahrnimmt. Hinter Santibanez geht die Landschaft nun deutlicher in Hügel über. Auf engen Pfaden geht es über gemähte Getreidefelder, die golden glänzen und auf manch steinigem Weg geht es auch schonmal wieder steil bergauf und bergab. Inzwischen verdunkelt sich der Himmel aber beträchtlich und es sieht nun doch nach Gewitter aus.



Auf einer Hochebene kurz vor San Toribio weht ein scharfer Wind aber dafür kann ich jetzt auch schon einen beeindruckenden Ausblick in die vor mir liegenden Gebirgszüge der Montes de León genießen, in denen sich dicke Wolken verhangen haben. Nach all der Flachheit und Leere der Mesetas ist dies ein berauschender Anblick, gerade so als würde man sich nach langer Durststrecke mit frischem, kühlen Quellwasser erfrischen. Mir wird aber auch bewusst, dass meine Wahrnehmung dieser Landschaft nicht so intensiv wäre, wenn ich die Mesetas nicht in ihrer Gänze erlebt hätte. Es ist der Kontrast, der uns den Reiz verschafft. Genauso ist es, wenn wir das ganze Jahr über Urlaub hätten. Dann würde er uns wahrscheinlich nicht mehr reizen. So aber arbeiten wir das ganze Jahr und genießen die zwei, drei Wochen Urlaub dann umso mehr. (Und es soll ja auch passieren, dass man nach dem Urlaub dann auch die Arbeit wieder mehr schätzt.) So geht es mir nun mit diesen vor mir liegenden Bergen.

Am Kreuz von San Toribio mache ich noch einmal Pause, treffe dort erneut Steffen und kann schon bis zum heutigen Etappenziel Astorga schauen. Das Wetter wird nun aber schlechter und so mache ich mich bald wieder auf den Weg. Kurz vor Erreichen der Stadt holt mich Steffen wieder ein und nun laufen wir gemeinsam bis nach Astorga hinein. Inzwischen fängt es an zu nieseln und in Verbindung mit dem Wind wird es doch recht bald ziemlich kühl. Als Herberge haben wir uns ein Haus aus dem 16. Jahrhundert ausgesucht, das gleich in der Nähe der Kathedrale von Astorga liegt. Nach einigem Suchen im Regen haben wir es dann doch gefunden und werden auch von einer netten deutschen Hospitalera begrüßt. Auch hier ist alles sehr modern und sauber und aufgrund seiner Geschichte hat das Haus auch richtig Stil. Am Nachmittag hat der Regen nachgelassen und ich schaue mir die Kathedrale und die Altstadt an. Astorga ist ganz heimelig und ich fühle mich hier sehr wohl. Der Dom hat eine interessante Fassade und wirkt ein wenig wie eine Hochzeitstorte oder eine Kleckerburg. Im Innern ist er auch schön, aber nicht so beeindruckend wie die Kathedralen von León oder Burgos. Astorga ist bekannt für seine Schokolade und daher kaufe ich mir in einem Laden eine Tafel, die aber furchtbar süß ist. Am Abend verabrede ich mich mit Steffen, der übrigens aus Ulm kommt, zum Pilgermenü in einem richtig noblen Restaurant. Offenbar gehört die Herberge dem Eigner des Restaurants, weshalb er auch Pilgermenüs anbietet. Nun, der Speisesaal ist ziemlich edel eingerichtet und die Kellnerinnen sehen adrett aus. Ich gebe zu, ich komme mir selbst in meinen besseren Pilgerklamotten etwas underdressed vor, aber wir machen uns nichts daraus und hier ist man Klientel wie uns auch gewohnt.




Mit dem freudigen Gedanken, morgen dann auch die Montes de León aus der Nähe zu sehen und damit weitere Abwechslung zu genießen schlafe ich ruhig ein.