Donnerstag, 7. August 2008

Etappe 22: Von León nach Villar de Mazarife

Es ist Dienstag, der 14. August 2007.
Bereits früh verlasse ich die Herberge, Holger ist sogar noch früher weg. In der Dunkelheit ist León ganz still aber auch der Weg ist nicht ganz so leicht zu erkennen. Nur sporadisch tauchen gelbe Pfeile und Jakobsmuscheln auf. So laufe ich auch zwei Mal um die Basilica de San Isidoro bevor ich weiß, welchen Weg ich nehmen muss. Außer mir sehe ich nur ganz selten ein paar Pilger vor mir. Andererseits finde ich es gut, so früh durch die Stadt zu laufen, denn jetzt herrscht noch kein Großstadtverkehr und damit bleibt alles etwas übersichtlicher und nicht so hektisch. Ich versuche mich so genau, wie möglich an meinen Wanderführer zu halten. Bald habe ich die Innenstadt verlassen und laufe wieder durch Industriegebiete, die auch um diese Zeit schon eine irritierende Geschäftigkeit besitzen. Hier kracht es, dort fährt ein Lkw los, da brummen Maschinen. Ich sehne mich wieder nach Natur und Stille.
Nach einer Weile komme ich im Vorort La Virgen del Camino an, der nicht wirklich schön ist. Erst überlege ich mir, hier zu frühstücken, entscheide mich aber dann doch, noch weiterzulaufen. Kurz darauf kommt der Punkt, an dem sich der Weg gabelt. Rechts entlang führt der Jakobsweg entlang der viel befahrenen Landstraße und links geht es durch Hochebenen nach Villar de Mazarife. Ich habe wirklich keine Lust auf noch mehr Autos und langweilige Straßenabschnitte, so dass ich mich für den linken Weg entscheide und Villar de Mazarife ansteuere. Nach Oncina de la Valdoncina liegt der Großraum León endlich hinter mir und auf einsamen Feldwegen geht es in die Hochebene, die ganz flach ist und in der nur ein paar Eichenbäume wachsen. Hier herrscht wieder himmlische Ruhe und es sind auch nur sehr wenige Pilger unterwegs. Ich genieße diesen Augenblick, die morgendliche Stimmung, die kühle Morgenluft und den Blick in die Ferne, der nicht durch Häuser verdeckt wird. Allerdings knurrt mein Magen nun ganz schön und ich freue mich auf ein anständiges Frühstück. In Chozas de Abajo genehmige ich mir dann auch ein leckeres Bocadillo und einen Cafe con leche und da Villar de Mazarife nicht mehr weit ist, kann ich mir richtig Zeit lassen. Danach geht es entlang einer kleinen und nahezu unbefahrenen Landstraße weiter. Als Villar de Mazarife in Sicht kommt, fällt mir schon auf, dass die Leute hier wunderbar freundlich sind. Ein Bauer winkt mir vom Feld freundlich zu und ein paar Einwohner, die scheinbar aus dem Ort hinausspazieren und mir entgegen kommen grüßen mich auch. In Villar gibt es drei Herbergen, die alle einen sehr hohen Standard zu haben scheinen. Ich entscheide mich für eine von ihnen und bin sogar der erste Besucher des Tages. Alle sind noch irgendwie mit Saubermachen beschäftigt, sind aber ebenfalls sehr nett und man zeigt mir alles. Es ist tatsächlich wie im Urlaub. Ich darf mir ein Zimmer aussuchen, oder in einem Bett auf dem Dachbalkon, also unter freiem Himmel schlafen oder im Garten unter einem Vordach und damit ebenfalls im Freien. Ich entscheide mich aber dann doch für ein Vierbettzimmer. Auch hier ist alles ganz sauber. Während ich später im kleinen Tante-Emma-Lädchen des Ortes einkaufe treffen weitere Pilger ein und bis zum Abend werden es genügend, um Leben in die Herberge zu bringen, sie aber nicht zu überfüllen. Die Dame im Laden ist auch angenehm freundlich und auf dem Weg dorthin begegne ich sogar einer alten Bekannten: Pauline, die Niederländerin, der ich schon in Itero de la Vega begegnet war, die aber heute noch weiterziehen will.



Unter den Mitgästen in der Herberge sind auch Felix und seine Oma Angelika und am Nachmittag unterhalten wir uns dann alle mal ein wenig länger. Felix hat inzwischen sein Flohproblem lösen können und befindet sich auf dem Weg der Besserung. Angelika ist eine ganz untypische Oma, ganz fit und keck, etwas esoterisch und spirituell angehaucht und hat mit Kirche und Christentum so gar nicht viel am Hut. Das macht die Unterhaltungen aber nicht weniger interessant, ganz im Gegenteil und so haben wir drei auch viel Spaß. Inzwischen hat sich in meinem Zimmer noch ein Mitpilger eingefunden: wie konnte es anders sein, ein Italiener. Aber er ist einer der angenehmen und ruhigen Sorte (er ist ja auch allein). Damit geht ein weiterer schöner Tag zu Ende und ich bin jetzt doch ein wenig stolz, bereits 500 km gelaufen zu sein. Es bleiben also noch 300 km bis Santiago und irgendwie stimmt mich das nun doch auch ein wenig nachdenklich.

Mittwoch, 6. August 2008

Etappe 21: Von Puente Villarente nach León

Es ist Montag, der 13. August 2007.

In meinem kleinen Pilgerpalast gönne ich mir heute den Luxus bis 6:30 Uhr auszuschlafen und auch dann alles ganz ruhig anzugehen. Es ist schon komisch, wenn ich daran denke, dass ich sonst mitunter um diese Zeit bereits eine Stunde unterwegs war. Aber ich weiß auch, dass ich heute eine leichte und kurze Etappe in die Stadt León vor mir habe und damit das letzte städtemäßige Highlight des Weges vor Santiago ansteht. Als ich jedoch gegen 7:30 Uhr die Herberge verlasse will es der Zufall und ich blicke nahezu in die Augen von Lili und ihren Begleitern, der Österreicherin Heidi und dem slowenischen Ehepaar. Was für ein Tagesanfang! Dankenswerterweise laufen die vier auf der anderen Straßenseite und bald schon habe ich sie auch aus den Augen verloren. Ich muss schon etwas schmunzeln über dieses Ereignis, weil mir einige Kapitel des Buches von Hape Kerkeling einfallen, in denen er auch ständig „Schnabbel“ und ihrem Mann begegnet und sie ähnlich gern hat, wie ich wohl diese vier.


Der weitere Weg in die Stadt ist nicht besonders schön. Es ist das typische Vorstadtgetümmel mit anfangs noch einigermaßen angenehmen Orten inmitten von Landwirtschaftsgebieten und dann zunehmend Industriegebiete und Dienstleistungszentren, die eindeutig zeigen, dass man sich wieder an einem Ort befindet, der für sich den Anspruch erhebt, Zivilisation zu sein. Unterwegs treffe ich auf ein paar Versprengte der italienischen Pilgerwelle, die zweifellos wieder in Mansilla de las Mulas ihre nächtliche Sandbank gefunden hat. Kurz bevor dann die Innenstadt von León in weiter Ferne sichtbar wird, wird es richtig gefährlich. Die Pilger - und somit auch ich – müssen eine dichtbefahrene vierspurige Schnellstraße überqueren, die ich eigentlich eher als Autobahn bezeichnen würde. Danach müssen wir auch noch ein Stück direkt neben der Fahrbahn laufen und um auch nur den geringen Grad an Sicherheit zu nutzen, den man hier hat, laufe ich in der Abwasserrinne (die allerdings trocken ist). Kurz vor mir müssen auch ein paar Radpilger ihre Drahtesel durch diese Rinne schieben, denn Fahren wäre hier zu gefährlich. Gott sei Dank ist die Straße um diese Uhrzeit noch nicht so dicht befahren, so dass man eine Chance hat, die Fahrbahn in einem Stück zu überqueren.


Wenig später komme ich an ein mir an sich bekanntes Schild, mit blauem Untergrund und gelber Pilgermuschel. Diese Schilder trifft man immer wieder auf dem Weg und zeichnen ihn als europäisches Kulturerbe aus. Bei diesem Schild jedoch hat jemand mit Marker unter das „Camino de Santiago“ noch geschrieben „Camino comercial“. Diese kritische Bemerkung gibt mir zu denken: es stimmt, vieles entlang des Jakobsweges erinnert nicht mehr an die Pilgeratmosphäre, wie es sie wohl im Mittelalter gegeben hat. Es gibt heute zahlreiche Herbergen und immer wieder entstehen neue, viele Herbergen sind modern ausgestattet, manche sogar mit Swimmingpool, in nahezu allen findet man einen Internetanschluss oder Telefon und fast überall bezahlt man zwischen fünf und zehn Euro. Sicher ist der Weg damit furchtbar kommerzialisiert, denke ich mir, und irgendwie ist es tatsächlich schade, dieses mittelalterliche Pilgergefühl damit nicht mehr zu erleben. Aber ich gebe auch zu, dass ich ungern auf die Kommunikationsmöglichkeiten via Internet verzichten möchte. Es ist also ein zweischneidiges Schwert, im Prinzip aber – und da bin ich mir sicher – haben auch unsere mittelalterlichen Vorfahren den Weg wirtschaftlich zu ihren Gunsten ausgenutzt. Geschichte wiederholt sich manchmal eben doch.




Mittlerweile bin ich in die weitere Innenstadt Leóns gekommen und auf der Suche nach der Herberge. Als Ziel habe ich mir das Kloster der Benediktinerinnen ausgesucht, weil es unmittelbar im Stadtzentrum liegt. Allerdings ist es schwierig, den Weg zu finden. Immer wieder tauchen gelbe Pfeile auf und verschwinden. Ich verliere den Überblick im Großstadtgetümmel und lande scheinbar vor einer anderen Herberge am Stadtrand. Dort sieht mich ein älterer spanischer Mitpilger, der mir vor einigen Tagen in Bercianos schon einmal einen Paraguayo (eine Frucht, sehr lecker, aber schwer zu beschreiben) angeboten hat. Er erkennt meine Hilflosigkeit und begibt sich gleich mit mir auf den Weg um die andere Herberge zu suchen. Immer wieder spricht er Spanier an und fragt sie für mich, wo das Kloster sei. Dabei geht er immer weiter mit, was ihm scheinbar nichts ausmacht. Dann geht er in ein Geschäft und fragt noch einmal und beschreibt mir dann bruchstückhaft den weiteren Weg. Ich danke ihm sehr und es war wirklich sehr nett, dass er mich so lange begleitet hat. Später muss ich trotzdem noch einmal zwei ältere spanische Herren ansprechen, die mir auch ein wenig weiterhelfen. Bei all den kleinen verwinkelten Gassen in León kann ich mir keine Vorwürfe machen, das Kloster nicht gleich gefunden zu haben, erreiche es aber dann doch circa eine Stunde, bevor es für Pilger öffnet. In der Wartezeit treffe ich auf ein sehr nettes australisches Ehepaar, mit denen ich mich richtig gut unterhalten kann. Da vergeht die Zeit ganz schnell und ich bedaure es, dass die beiden ihre Pilgerreise hier beenden, denn gerne hätte ich sie auf weiteren Etappen wiedergetroffen. Irgendwann treffen auch Lili und Konsorten wieder ein und als die Klosterpforte öffnet und sich alle schön in der Reihenfolge ihrer Ankunft anstellen, wiederholt sich leider, was auch schon in Bercianos geschehen ist und die vier sind viel früher drinnen als ihnen zusteht. Die Herberge ist recht angenehm und die Hospitaleros sind sehr nett. Man wird einzeln in die Schlafsäle geführt, die nach Geschlechtern getrennt sind, dort wird alles erklärt, die Betten werden zugewiesen. Natürlich treffe ich auch viele der Italiener wieder, aber inzwischen habe ich mich an die meisten gewöhnt und manche haben wohl unterwegs ihr Machogetue zwangsläufig gegen Schmerzen an den Füßen eintauschen müssen. Zwar ist diese Herberge auch sehr groß und bald auch voll, aber man fühlt sich hier nicht so beengt wie in Bercianos und somit ist alles sehr erträglich. Ein Bett weiter liegt ein Deutscher namens Holger, mit dem ich mich auch ein wenig unterhalten kann und bald treffe ich auch Felix und seine Oma wieder.


Später erkunde ich die Innenstadt von León. Es ist hier sehr gemütlich, ähnlich wie in Burgos und alles gruppiert sich auch hier um die Kathedrale. Mein Versuch, etwas zu essen fordert leider ein wenig Ausdauer, denn schon auf die Karte muss ich 20 Minuten warten. Das Bestellen, Essen und Bezahlen dauern dann nochmal eine Stunde, wobei das Essen den geringsten Zeitaufwand fordert. Nun gut, es ist Spanien, hier geht es etwas langsamer zu und außerdem habe ich genug Zeit. Der Besuch der Kathedrale hat dann wieder einiges entschädigt. Was für ein beeindruckendes Gebäude. Es ist viel dunkler als der Dom in Burgos, dafür tauchen aber unzählige bunte Kirchenfenster in riesigen Dimensionen das Innere in ein ganz mysteriöses Licht. Wenn man sich die Fensterbilder einzeln ansieht ist es fast, als würde man einen Film sehen. Die zahlreichen gotischen und romanischen Elemente zeugen von einem tiefen Gottvertrauen der Erbauer und lassen auch bei mir eine gewisse religiöse Stärke aufkommen. Damit wird diese Kirche fast schon zu einer Tankstelle für den Jakobsweg. Obwohl ich meine, dass mir die Kathedrale von Burgos noch besser gefällt, berührt mich dieses Gebäude hier sehr stark.




Am Abend sind alle Pilger im Kloster zu einer Pilgermesse mit den Ordensschwestern eingeladen. Das Angebot nehme ich gerne an und diese feierliche und andächtige Stille während der Messe und dem zarten Gesang der Schwestern ist Balsam für die Seele. Man könnte sich fast für jeden Abend eines Tages eine solch bedächtige Vorbereitung auf die Nacht wünschen. Mir kommt es ein wenig so vor, als würden einen die Engel ins Reich der Träume fliegen. Aber vorher herrscht doch noch einmal klösterliche Strenge, denn Punkt 22 Uhr wird das Licht gelöscht und herrscht Nachtruhe.


Dienstag, 5. August 2008

Etappe 20: Von Bercianos del Real Camino nach Puente Villarente

Es ist Sonntag, der 12. August 2007.

Gegen 6 Uhr breche ich wieder auf, nachdem es mir gelungen ist, schnell in das Badezimmer zu kommen, um mir wenigstens die Zähne zu putzen, bevor all die anderen Pilger aufstehen und auch ins Bad gehen. Es ist noch immer dunkel, als ich aufbreche, aber die Gefahr sich zu verlaufen ist gering, denn mit mir sind diesmal viele Pilger unserer Herberge auch schon unterwegs. Ich komme jedoch nicht so gut voran, denn ich habe wieder schlimme Schmerzen im linken Fuß. Heute stehen ca. 26 km bis Mansilla de las Mulas an, aber der Gedanke, dort wieder mit mindestens 70 anderen Pilgern die Herberge zu teilen, gibt mir zu denken. Insbesondere stört mich, dass ich jetzt scheinbar in eine italienische Welle hineingeraten bin: immer wieder tauchen ganze Gruppen von Italienern auf, die sich entweder total machomäßig oder wie kleine Kinder aufführen. Dabei scheinen die auch nicht allein sein zu können, ohne gleich an Heimweh nach Bella Italia zu sterben. Aber andere sind auch ganz nett und die sehe ich dann auch gern wieder. Also im Grunde gefällt mir der Gedanke nicht so ganz, in Mansilla wieder in dieser Welle mitzuschwimmen.

Bald erreichen wir El Burgo Ranero, einen kleinen Ort inmitten dieser scheinbar endlos flachen und unbewohnten Gegend. Weit und breit nur Ebene mit buchstäblich nichts. Nicht einmal Felder sind hier, oft nur Dreck. Hinter El Burgo Ranero wird es dann ganz hart. Über drei Stunden lang zieht sich der Weg nahezu schnurgerade durch das Land und dabei gibt es keine Abwechslung. Weit vor mir wandern ein paar Pilger und ab und zu fährt ein Auto auf der kleinen Landstraße neben dem Weg als Abwechslung entlang. Später tauchen wenigstens ein paar Maisfelder auf. Diese Strecke ist aufgrund der Leere eine unglaubliche Herausforderung für den Kopf. Man ist hier tatsächlich ganz mit sich allein, doch überträgt sich die Leere des Landes auch irgendwie auf den Kopf und bald fühle ich mich auch geistig ganz leer. Hinzu kommt, dass es morgens um 8:30 Uhr bereits sehr warm ist. Kurz vor Reliegos treffe ich auf den jungen Felix, ein Deutscher, der mit seiner Oma unterwegs ist, die aber etwas langsamer läuft und daher nicht bei ihm ist. Ich kenne die beiden, denn in der netten Herberge in Pamplona sind wir uns schon kurz beim Frühstück begegnet. Unglaublich, ich hätte nicht gedacht, jetzt noch jemanden aus den frühen Etappen wiederzutreffen. Felix und ich laufen ein wenig zusammen und unterhalten uns. Bei einer Rast zeigt er mir, dass er überall an den Armen komische Flecken hat und meiner Meinung nach sieht es aus, als sei er das Opfer von Flöhen geworden. Ich rate ihm, in der nächsten Herberge unbedingt seinen Schlafsack im Freien auszuschütteln oder ihn gar in einem Trockner durchheizen zu lassen. Es sieht wirklich übel aus und ist nach dem Koreaner von Belorado nun schon der mir zweite bekannte Fall von Flöhen in Herbergen. Als ich dann so mit Felix laufe, kommt uns ein Wagen entgegen, der kurz vor uns stoppt und ein Mann steigt aus und kommt auf uns zu. Er gibt uns Flyer, die uns darüber informieren, dass es in Puente Villarente, kurz vor León, eine neue Herberge gibt, die offenbar sehr gut ausgestattet ist. Noch sind wir nicht einmal in Reliegos und bis Mansilla ist es noch ein ziemliches Stück Weg, aber in mir wächst die Hoffnung, dass ich es vielleicht doch heute noch bis Puente Villarente schaffe um der besagten Welle zu entgehen und um morgen einen kürzeren Weg nach León zu haben.

Als wir endlich Reliegos erreichen, ist der Streckenabschnitt der Leere hinter uns und es kehrt wieder eine willkommene Abwechslung in den Wegverlauf und die Landschaft ein. Felix und ich laufen noch bis Mansilla weiter und erreichen die dortige Herberge gegen Mittag. Diese würde aber erst um 14 Uhr öffnen und ich spüre, dass ich doch noch einige Reserven habe. Auch ist die Erfahrung der „Flüchtlingslager-Herberge“ von gestern noch zu frisch und somit entscheide ich mich, weiterzulaufen. Da Felix sich aber mit seiner Oma in Mansilla verabredet hat, bleibt er zurück. Die Stadt Mansilla und auch die dortige Herberge machen einen gemütlichen und auch lebhaften Eindruck, so dass es mir fast doch etwas leid tut, weiterzuziehen. Der Weg danach bis nach Puente Villarente ist hart. In der prallen Mittagssonne neben einer stark befahrenen Hauptstraße geht es weiter. Als ich dann im Ort ankomme, erblicke ich eine kleine Herberge am Straßenrand. In der Meinung, es sei die auf dem Flyer gehe ich zu ihr, aber sie scheint verlassen zu sein, wenngleich es ein ganz neues und angenehmes Gebäude ist. Plötzlich ruft mich eine ältere Frau aus einem naheglegenen Hinterhof und fragt auf Spanisch ob ich ein Bett suche. Ich bejahe und sie verschwindet im Haus, um wohl ihren Sohn zu holen. Der nette spanische Herr begrüßt mich freundlich und lässt mich ein. Ich bin überwältigt, denn die Herberge ist gemütlich und ganz neu eingerichtet, alles ist sehr sauber und modern. Und ich bin der einzige Gast und die Übernachtung kostet nur 6 Euro. Bis weit in den Nachmittag hinein bleibe ich der einzige Pilger hier und erst dann stoßen noch zwei freundliche Radfahrer dazu, die aber in einem anderen Zimmer untergebracht werden. Es ist fantastisch und solch ein Kontrast zum gestrigen Tag: heute bin ich in einer hotelähnlichen Unterkunft mit Einzelzimmer. Ich genieße die Ruhe und bereue es nicht, heute wieder einmal 32 km gelaufen zu sein, denn dafür bleiben mir morgen nur noch ca. 20 km bis nach León.

Montag, 4. August 2008

Etappe 19: Von Lédigos nach Bercianos del Real Camino

Es ist Samstag, der 11. August 2007

Nach einer weiteren ruhigen Nacht breche ich morgens wieder in der Dunkelheit auf. Vor mir liegen heute 27 km bis Bercianos del Real Camino. Leider wartet beim Aufbruch Lili schon auf mich in der Erwartung, mir damit wohl einen Gefallen zu tun. Ich bin nicht wirklich begeistert. Als wir uns dann wieder in die Ebene begeben und uns dabei die Dunkelheit wieder ganz umhüllt, fällt mir erneut der wunderschöne Sternenhimmel auf. Über uns thronen die Sternenbilder des Orion und des Großen Wagen. Auch der Mond scheint in einer ganz dünnen Sichel, jedoch wird er so angestrahlt, dass auch der Rest des Mondes blass sichtbar ist. Das ist wieder ein faszinierender Anblick und ich finde es schade, dies nicht einfach so im Foto festhalten zu können. Kurz hinter Lédigos trenne ich mich von Lili und bin darüber durchaus froh. Ihre Art ist mir einfach unsympathisch und mir fehlt die Konzentration auf den Weg und die Landschaft wenn sie dabei ist. Außerdem habe ich auch erfahren, dass sie aufgrund ihres schnellen Schrittes immer die Pilgerpässe der ihr bekannten Österreicherin und eines slowenischen Ehepaares, das sie unterwegs kennengelernt haben, mitnimmt um dann am vereinbarten Ort Herbergsplätze zu reservieren. So ein Verhalten finde ich absolut unfair und möchte damit auch nichts zu tun haben. Ich bin also froh, als ich endlich wieder allein unterwegs sein kann. Es ist aber auch wundersam, denn noch vor ein paar Tagen fiel mir der Abschied von meinen Freunden in Burgos so schwer und ich hatte mich nach Gesellschaft gesehnt. Ich bemerke auch, dass ich im Umgang mit Lili sehr vorsichtig bin, denn ich möchte sie auch nicht verletzen mit einer zu schroffen Art. Das tue ich wahrscheinlich weniger aus Rücksicht auf sie, sondern vielmehr aus der Erfahrung heraus, doch einmal in eine Notsituation zu kommen und dann jede Hilfe dankbar annehmen zu können. Das ist leider sehr opportunistisch und irgendwie ärgere ich mich da auch über mich selbst.

Bei meinem Wandern durch die immer noch monotone Landschaft der Mesetas habe ich nun wieder mehr Zeit zur inneren Reflexion. Während ich nun an Terradillos de los Templarios und an San Nicolás del Real Camino vorbeiziehe, kommen mir Gedanken über die vielen Pilger auf dem Weg, das damit verbundene Angstgefühl einmal vielleicht keinen Herbergsplatz mehr zu bekommen, die Blasen an meinen Füßen und das Ziel Santiago. Ich denke zurück an das Erlebte und Erreichte. Immerhin habe ich nun bereits mehr als 400 km zu Fuß zurückgelegt, das heißt mehr als die Hälfte des Weges bis nach Santiago ist schon geschafft. Im Inneren kann ich die Eintönigkeit des Laufens und der Umgebung nutzen, um mit Gott zu sprechen. Dieser Weg sollte immer ein bewusster Weg mit Gott sein und heute geht es mal um Vertrauen und Kontrolle. Wie oft – auch auf diesem Weg – versuche ich die Kontrolle zu behalten, alles genau zu planen und blende Gott dabei aus! Dabei kann es so befreiend sein, ihm zu vertrauen und sich über den Segen zu freuen, den ich dadurch erfahre. Wie oft hat mich Gott auch hier schon bewahrt – vor ernsteren Verletzungen, vor Hunger und Durst, vor bösen Menschen, wilden Hunden und vor allem in der Not, als ich kein Geld mehr hatte. Dabei bedarf es manchmal nur eines „leap of faith“ also eines Sprunges des Glaubens und Vertrauens ohne sich groß den Kopf zu zerbrechen. Ist es nicht gerade das, was den Glauben ausmacht – sich einfach auch einmal fallen zu lassen und fest darauf zu vertrauen, dass Gott nur das Beste mit uns im Sinn hat? Oft ist es leichter gesagt, als getan aber die Möglichkeiten bieten sich immer wieder.

Ich nähere mich am späten Vormittag der nächsten größeren Stadt Sahagún. Die wirkt in dieser Landschaft mit all ihrer Trockenheit wie eine Stadt aus einem Western. Ich gönne mir hier wieder einen Kaffee und ein Gebäckteilchen als Wegstärkung. Vorher treffe ich noch auf Steffen, einen der drei Deutschen, die ich in Carrion kennengelernt hatte. Er ist weiter mit den beiden anderen unterwegs. Auch Lili treffe ich hier zusammen mit ihren Begleitern wieder, aber sie entscheiden sich, woanders etwas essen zu gehen.

Nach erfolgter Stärkung breche ich wieder auf. Mit dem herannahenden Mittag wird es wieder schrecklich warm. Zunächst noch spenden einige Bäume etwas Schatten auf dem Weg, aber mir wird das Laufen zunehmend schwerer. Ich kann es bald nicht mehr erwarten, endlich in die Herberge zu kommen. Als ich Bercianos erreiche, glüht die Sonne erbarmungslos in das kleine Nest und es scheint beinahe verlassen zu sein. Als ich an der Herberge ankomme zeigt diese sich als scheinbar baufällige alte Bruchbude, die überdies auch noch geschlossen ist und erst gegen 14 Uhr öffnet. Draußen warten aber bereits einige Pilger und ich geselle mich zu ihnen. Unter den Wartenden ist auch der Deutsche Steffen, dessen beiden Kameraden beschlossen haben, noch weiter zu laufen. Der Hospitalero ist ein älterer Mann, der sicher in der Herberge ist und weiß, dass draußen schon einige warten, aber er findet nicht die Gnade, sein Haus schon ein wenig früher zu öffnen. So füllt sich der Platz zunehmend mit Pilgern und als sich die Pforte öffnet strömen alle zum Haus. Es herrscht Gedränge und dabei fällt mir auf, dass sich Lili mit ihrer Begleitung schon ziemlich weit nach vorne gearbeitet haben, obwohl sie viel später angekommen waren, als andere Pilger. Es zeigt sich also auch hier, dass die (Un)Gerechtigkeit dieser Welt ihre Kraft besitzt. Da jeder Pilger erst seine Personalien für die Statistik hinterlassen muss und seinen Stempel in den Pilgerpass bekommt, zieht sich das Warten in der prallen Sonne lange hin. Danach kommt der Schock: die Herberge entspricht auch im Inneren dem Eindruck, den sie von außen machte. Es stehen einige Betten aufgestellt, eher Liegen, die furchtbar knarren und deren Matratzen in schlechtem Zustand und durchgelegen sind. Als alle Liegen belegt sind (ich hatte Glück und habe noch eine bekommen) werden die Betten noch soweit zusammengestellt, dass kaum noch Platz zum Vorbeilaufen ist, um Matten für weitere Pilger auszulegen. Alle sind furchtbar erschöpft und müde, aber der Kampf um die Duschen setzt trotzdem ein. Mit den Matten sind nun bestimmt an die 90 Leute in der Herberge und für alle gibt es ganze zwei Duschen jeweils für Damen und Herren. Es hat also keinen Sinn, die Schlange die erst vor der Herberge war, steht nun vor den Duschen. Ich finde es einfach nur schrecklich und stelle mir so ein Flüchtlingslager vor. Zudem war der Hospitalero auch ein grober Klotz, der die Leute nur angefahren hat und wenig Freundlichkeit übrig hatte. Am Abend wird allerdings doch noch ein Pilgeressen gekocht, das zwar bescheiden ist, aber dennoch gut schmeckt und alle ein wenig zusammen wachsen lässt. Allerdings herrscht nun aufgrund der überfüllten Herberge und der Hitze eine unerträgliche Luft in den Schlafräumen. Dies wird auch durch das herannahende schwere Gewitter, mit dem wir einschlafen, nicht sehr verbessert. Dies ist mit Abstand die schlimmste Herberge, die ich bisher erlebt habe.

Sonntag, 3. August 2008

Etappe 18: Von Carrion de los Condes nach Lédigos

Es ist Freitag der 10. August 2007.

Die Nacht in der Klosterherberge war angenehm ruhig. Trotz voller Belegung hat niemand geschnarcht, es war nicht kalt und auch nicht zu warm. Früh am morgen brechen ein paar Radpilger auf und durchleuchten wieder mit ihren Halogen-Strahlern auf dem Kopf den ganzen kleinen Raum, so dass auch ich wach werde. Gegen 6 Uhr mache ich mich dann auch auf den Weg. In Carrion selbst muss ich noch sehr aufpassen, um den Weg nicht zu verlieren, denn die gelben Pfeile sind nur schlecht vorhanden oder zu erkennen. Aber schon bald nach Verlassen der Stadt bin ich wieder ziemlich allein auf dem Weg durch die morgendliche Landschaft. Ich laufe gemütlich, denn für heute habe ich mir nur 25 km vorgenommen und möchte bis nach Lédigos gehen. Die gestrige Etappe steckt mir doch noch ziemlich in den Beinen. Nach gut einer Stunde komme ich an der Ruine einer alten Abtei vorbei und wenig später überfliegt mich ein Schwarm von bestimmt 20 Störchen. Was für ein imposanter und majestätischer Anblick. Bisher hatte ich mich schon immer gefreut, ein paar Störche auf Kirchtürmen zu sehen oder mal einen im Feld, aber nun von so vielen dieser schönen Vögel überflogen zu werden hinterlässt schon einen besonderen Eindruck bei mir. Es sind genau diese Erlebnisse, die den Weg so wundervoll machen, denn hier hat man Zeit und Ruhe diese Dinge bewusst wahrzunehmen, ihre Schönheit zu erkennen und daraus auch die Kraft zu nehmen um die noch bevorstehende Strecke zu bewältigen. Während ich also so darüber nachdenke und mich freue, erreiche ich einen besonderen Abschnitt der heutigen Etappe: die Via Aquitana. Auf den nächsten knapp 15 km werde ich diese alte Römerstraße begehen, die es nun in mehr oder weniger veränderter Form hier schon seit gut 2000 Jahren gibt. Was für ein Gefühl, gerade für mich, einen Historiker. Ich kann nicht umhin zu sagen, dass ich mich auf diesen Wegabschnitt besonders freue. Ich stelle mir vor, wie vor hunderten von Jahren römische Soldaten hier entlang marschierten, Karren mit Waren entlanggezogen wurden und diese Straße das gigantische Römische Reich durchzog. Ein Wegstein markiert den Anfang und nicht nur der Blick zurück zu den alten Römern geht mir durch den Kopf, sondern auch der Gedanke, dass seither sicher unzählige Pilger diesen Weg in Richtung Santiago und vielleicht auch zurück gegangen sind. Es ist eben wie die Sternenlichter der Milchstraße, jeder Pilger hat vielleicht ein Lichtlein angezündet auf seinem Weg nach Santiago und ich darf nun auch einer davon sein.

Scheinbar endlos und teilweise schnurgerade zieht sich die Via Aquitana durch die flache Landschaft. Nur wenige Bäume am Rand versperren manchmal die Sicht in die Ebene, die weitgehend aus Getreidefeldern und ein paar Sonnenblumenfeldern besteht. Hier scheint in der Tat die Zeit stehen geblieben zu sein; es wirkt fast wie ein gigantisches Freiluftmuseum. Nach circa zwei Kilometern spüre ich auch die Härte dieses Ortes. Der Weg ist leider mit Geröllsteinen übersät und sie liegen so dicht beieinander, dass man nicht ausweichen kann. Die Begeisterung beginnt langsam zu schwinden, was auch der dauernden Monotonie dieser schnurgeraden Strecke zu schulden ist. Bald schon spüre ich jeden spitzen Stein unter meinen Füßen, trotz der Wanderstiefel. Es ist zwar am Morgen nicht heiß, aber die Via Aquitana hat aufgrund ihrer Beschaffenheit ihre ganz eigenen Herausforderungen. Es sind nun auch mehr Pilger unterwegs und sie verteilen sich wie kleine farbige Punkte auf dieser Linie im Land. Bei mir kommt Hunger auf, die Füße schmerzen wieder und schon bald ertappe ich mich bei dem Gedanken: 'Scheiß Römerstraße!' Nach spätestens drei Kilometern habe ich wirklich die Nase voll und denke mir, dass wahrscheinlich jeder Pilger hier auch einen Stein hinterlassen hat, um es den Nachkommenden ein wenig schwerer zu machen. Endlich kommt eine improvisierte Raststation in Sicht und der warme Kaffee und das süße Teilchen, was ich mir dort zum Frühstück gönne, lassen den aufgekommenen Frust vorerst vergessen. Aber es stehen ja noch mindestens weitere zehn Kilometer auf diesem Schotterweg an!

Es hilft nichts, es gibt hier keine Alternative. Und so lasse ich mich weiter von den Römern traktieren bis ich am Vormittag endlich Calzadilla de la Cueza erreiche und die Via Aquitana verlassen kann. Hier stößt eine junge Deutsche namens Lili zu mir. Ich hatte sie schon früher auf der Etappe nach Obanas kurz getroffen und gestern in Carrion zusammen mit einer Österreicherin, die ich auch schon kannte, plötzlich wiedergetroffen. Lili hat gerade ihr Abitur gemacht und hängt sich nun an mich heran. An sich freue ich mich, wieder etwas Gesellschaft zu haben, doch auf dem noch verbleibenden Weg nach Lédigos merke ich, dass sie doch recht gewöhnungsbedürftig ist. Sie redet nahezu unentwegt – was ihr manchmal die Luft zum Gehen zu nehmen scheint – und ist dabei irgendwie furchtbar von sich überzeugt. Dabei strahlt sie einen gewissen Ehrgeiz aus, den ich eher bedrückend empfinde und damit wird die Gesellschaft leider weniger angenehm. Schon immer empfand ich Menschen, die so ehrgeizig sind, dass sie anderen Menschen um sich herum den Raum zum Leben nehmen als irgendwie bedrohlich. Oft entsteht dabei eine Konkurrenzhaltung in die man hineingezwungen wird, ohne es tatsächlich selbst zu wollen. Allerdings habe ich nicht den Mut, ihr meine Meinung diesbezüglich klar und offen zu sagen und denke mir, dass ich sie vielleicht morgen auch wieder irgendwie los bin. Schon gegen Mittag erreichen wir Lédigos und suchen die dortige Herberge auf. Wir sind die ersten Besucher und können uns damit beim Duschen, Wäschewaschen und Einkaufen völlig unbedrängt Zeit lassen. Während der anschließenden Mittagsruhe treffen dann auch andere Pilger ein und bis zum Abend wird es eine ganz angenehme Runde, wobei diese Herberge nicht ausgelastet ist und alles sehr entspannt zugeht.

Samstag, 2. August 2008

Etappe 17: Von Itero de la Vega nach Carrion de los Condes

Es ist Donnerstag der 9. August 2007.

Nach einer unruhigen Nacht breche ich als einer der ersten morgens um 5:30 Uhr wieder auf. In der Nacht hat über mir ein frankophoner älterer Kanadier geschlafen, dem offenbar das gestrige Pilgermenü nicht gut bekommen ist. Immer wieder stand er nachts auf, rannte aus unserem Zimmer nach unten zur Toilette und musste sich übergeben. Mir schien, er habe es ein oder zwei Mal auch nicht ganz bis dahin geschafft und irgendwann wurde davon wohl auch die Herbergsmutter wach. Ich konnte daher nicht wirklich schlafen, denn einerseits herrschte dadurch beständige Unruhe und andererseits hatte ich befürchtet, er könnte es einmal vielleicht nicht bis aus dem Zimmer oder aus dem Bett schaffen. Dem war aber nicht so; dennoch es schien ihm furchtbar schlecht zu gehen, denn immer wieder stöhnte er wenn eine neue Welle der Übelkeit kam. Irgendwann bin ich dann aufgestanden und habe ihm mit meinen wenigen Fetzen Französisch angeboten, in meinem Bett zu schlafen, damit er nicht ständig hoch und runter klettern müsse, aber er hat dankend abgelehnt. Als ich dann morgens aufbreche, bin ich irgendwie froh, wieder auf dem Weg zu sein.

In völliger Dunkelheit verlasse ich Itero de la Vega und sobald ich den kleinen Ort verlassen habe und kein Straßenlicht den Weg mehr erhellt, ist wieder dieses seltsame Gefühl mit mir unterwegs: ein Gefühl, das irgendwo zwischen einem unwillkommenen Verlassensein auf weiter Flur und der dadurch resultierenden innigen Verbundenheit mit dem Pilgerweg, Gott und mit mir selbst liegt. Inmitten von riesigen Maisfeldern laufe ich auf einem langgestreckten Feldweg in Richtung Boadillo del Camino. Ich bin doch etwas vorsichtig, denn in der Dunkelheit sehe ich nirgendwo gelbe Pfeile und immer wieder kreuzen andere Feldwege, die in mir Unsicherheit auslösen. Meine Taschenlampe macht leider auch nicht so viel Licht, um aufgemalte Pfeile auf Steinen oder Ähnliches zu erkennen. Allerdings wird diese leichte Beklommenheit enorm gemildert durch den grandiosen Blick, den ich in den Sternenhimmel habe. Über mir leuchten Tausende von Sternen und die Milchstraße ist sehr gut zu erkennen. Mir scheint es fast, als weise sie mir den Weg nach Santiago zum Sternenfeld. Ein solcher Anblick regt zwangsläufig zum Nachdenken an; hier unten laufe ich kleiner Pilger und über mir zündet der Himmel unzählige Lichtlein an und spendet dadurch Hoffnung und Zuversicht. In dieser Gewissheit fühle ich mich dann auch nicht mehr so allein.

Nach einigen Stunden erreiche ich in der einsetzenden Morgendämmerung Boadillo del Camino. Der Ort ist völlig verschlafen und ich mache an einem Brunnen eine kleine Pause. Plötzlich kommen zwei Hunde angelaufen und kommen direkt zu mir. Für einen Moment habe ich doch ein wenig Angst, aber die beiden schauen mich nur kurz an und ziehen dann weiter. Ich tue es ihnen gleich (erst nachdem sie ein wenig Abstand gewonnen haben, gebe ich zu) und durchquere den Ort, bevor es dann wieder auf einem steinigen Weg weitergeht. Wenig später treffe ich auf den Canal de Castilla, einen Kanal, der so ruhig und andächtig daliegt, dass er nahezu meditative Wirkung hat. Dankenswerterweise geht der Weg nun bis Fromista immer an diesem Kanal entlang und die Nähe des Wasser strahlt eine angenehme Ruhe aus. Fast fühle ich mich sogar ein wenig wie in Holland, wo ich ähnliche Landschaften kenne. Die Sonne strahlt über dem stillen Gewässer und alles wirkt wieder ganz perfekt.


Nachdem ich den Kanal kurz vor Fromista wieder verlassen muss, kehre ich in der Stadt zum Frühstück ein. Sonst halte ich mich nicht länger in der Stadt auf und ziehe weiter. Leider ist der nun folgende Abschnitt bis Población de Campos nicht schön, denn der Weg zieht sich steinig gleich neben der Straße her und die Sonne beginnt nun im herannahenden Mittag immer heißer zu werden. In Población aber bietet mein Wanderführer die Möglichkeit an, einen Alternativweg zu wählen, der nicht an der Straße entlang führt und so entscheide ich mich für diesen. Viel angenehmer geht es nun wieder durch Felder, entlang von plätschernden Bewässerungsrinnen, die die Pflanzen mit dem nötigen Wasser versorgen. Es sind hier nur sehr wenige Pilger unterwegs aber in der Ferne erkenne ich, wie sich ein kleiner Transporter auf dem Weg langsam nähert. Als mich der Wagen erreicht, grüße ich den älteren Herrn hinterm Steuer freundlich. Er stoppt den Wagen, reicht mir einen Lutscher und nimmt meine Hand. Er drückt sie fest und schaut mir dabei tief in die Augen und sagt: „Buen Camino.“ Ich bedanke mich und langsam fährt er weiter. Dieses Erlebnis beeindruckt mich sehr. Es drückte soviel Würde und Respekt aus, wie ich es bisher auf dem Weg noch nicht erfahren habe. Es ist mir fast unangenehm und peinlich, wie dieser Mann mir, einem nicht ganz frisch aussehenden jungen Pilger Achtung entgegen gebracht hat. Eine wirklich denkwürdige Erinnerung.

Als ich in Villovieco wieder auf den ursprünglichen Weg zurückkomme, bemerke ich gerade als ich den Eingang eines Hauses passiere, wie sich ein dort stehender Mann ebenfalls fast verbeugt und mir einen guten Weg wünscht. Auch davon bin ich beeindruckt und führe diese netten Gesten darauf zurück, dass hier der Jakobsweg und die ihn beschreitenden Pilger wohl in der Tat noch die hohe Wertschätzung und Ehre genießen, von der ich im Vorfeld schon vereinzelt gehört hatte.

Von nun an aber wird es ganz hart. In der prallen Mittagssonne stehen mir noch 10 km bis Carrion de los Condes bevor und der Weg führt nun nahezu endlos geradeaus an der Straße entlang. Hinzu kommt, dass sich Weg und Straße zum Teil in einem Kanal befinden, der links und recht durch aufgeschüttete Erde gebildet hat, so dass die Hitze hier wirklich unerträglich ist. Auch sind die Steine des Weges gleißend weiß und die Tatsache, dass die Stadt – das ersehnte Ziel – zwar irgendwann in der Ferne sichtbar wird, aber nicht wirklich näher kommen will, raubt mir die Nerven. Völlig erschöpft und entkräftet komme ich schließlich in der Nachmittagshitze an. Nach diesen 34 km der heutigen Etappe habe ich meine Grenzen deutlich erkannt. Und dabei habe ich auch einiges riskiert, denn an meinen Füßen gibt es neue Blasen, die ich behandeln muss. Ich komme in einem Kloster des Klarissenordens unter, was wieder sehr schön ist, denn es herrscht himmlische Ruhe und die Betten und Duschen sind sehr gut.

Obwohl ich völlig fertig bin und eigentlich nie wieder aus meinem Bett aufstehen möchte, gehe ich am späten Nachmittag doch in die Stadt und kaufe ein wenig ein. In einem Café ruhe ich mich ein wenig aus und treffe dabei auf drei junge Deutsche, die mich zu sich an den Tisch bitten. Die drei sind alle ganz nett, wenngleich ich im Gespräch mit ihnen bemerke, dass es eben auch profanere Motive gibt, auf dem Jakobsweg zu wandern – eben aus sportlichem Ehrgeiz und um hübsche junge Damen kennenzulernen bzw. um nach getaner Wanderarbeit ordentlich einen hinter die Binde zu kippen. Nichts für mich, soviel steht fest. Und somit bricht auch bald für mich der Abend an und ich begebe mich zur Ruhe.

Donnerstag, 15. Mai 2008

Etappe 16: Von Hornillos del Camino nach Itero de la Vega

Es ist Mittwoch der 8. August 2007.

Nach einer ruhigen aber kühlen Nacht mache ich mich nahezu als erster unserer Herberge gegen 6 Uhr auf den Weg durch die noch finsteren Mesetas. Im Ort selbst erhellt noch die ein oder andere Laterne den Weg doch schon bald ist es zwischen den weiten Ebenen sehr finster und aufgrund der Stille auch etwas unheimlich. Es scheint nur mich, den Weg, eine leichte Brise und endlose Finsternis auf der Welt zu geben und weit und breit kein Mensch und keine Zivilisation. Die Sterne scheinen über mir und spenden als einzige ein wenig Licht. Immerhin kann ich den Weg nicht verfehlen, denn hier gibt es nur einen Weg. Für einen Moment denke ich daran, die Musik auf meinem Handy ein wenig spielen zu lassen, denn dies würde mich beim Laufen motivieren und Pilger, die es stören könnte, scheint es ja jetzt noch nicht zu geben. Ich lasse es aber und lausche stattdessen der Stille. In der Ferne kann ich auf einmal einen Umriss ausmachen und bald wird klar, dass sich wohl doch schon ein Pilger vor mir auf den Weg gemacht hat. Da ich zügigen Schrittes wandere, überhole ich den älteren Mann bald und wünsche ihm einen guten Weg, was er erwidert. Schon wenige Minuten später scheine ich wieder allein auf der Welt zu sein.

Doch so langsam kämpft sich das Tageslicht durch die Nacht und lässt deutlichere Konturen erkennen. Die Dämmerung zaubert in der nächsten Stunde ein Schauspiel von Farben an den Himmel und über die weite Landschaft. Jeder Moment selbst ist ein Meisterwerk und durch das Weiterlaufen befindet sich jedes dieser natürlichen Gemälde im Fluss. Es ist wunderschön, beeindruckend, als würde die Natur eine Privatvorstellung geben. Und dann taucht die Sonne am Horizont auf und taucht die endlosen Felder der Hochebene in ein orangenes Licht bevor sie alles vergoldet. Was für ein Moment! Es ist fast, als würde man wiedergeboren in einem unbeschreiblichen Licht. Jetzt wird mir klar, was Sieglinde gemeint hat, wenn sie von den Mesetas als einer tiefgehenden Erfahrung gesprochen hat. Schon allein dieses Ritual an diesem Morgen war die Strapazen und Unannehmlichkeiten des gestrigen Tages wert und all das motiviert mich sehr, meinen Weg nun auch wieder in Freude – wenn auch in Einsamkeit – fortzusetzen.
Nach einiger Zeit in der ich von Ebene zu Ebene gelaufen bin, taucht plötzlich und unvermittelt hinter einem Hügel der Kirchturm von Hontanas vor mir auf. Auch das ist eine interessante Erfahrung, denn noch vor wenigen Minuten hätte man meinen können, es gäbe hier kein Dorf oder Stadt weit und breit. Ich beschließe, mich in Hontanas mit einem leckeren Frühstück zu stärken und erlebe dabei, wie die letzten Pilger, die hier übernachtet hatten, den Ort verlassen. Ich fühle mich überaus fit und denke schon jetzt darüber nach, mein ursprüngliches Etappenziel von Castrojeriz nach Itero de la Vega zu verlegen. Immerhin ist es jetzt erst ca. 9 Uhr und bei meinem momentanen Lauftempo wäre ich schon vor Mittag in Castrojeriz. Außerdem würde ich dadurch wieder etwas Zeit gewinnen um spätere Etappen vielleicht kürzer zu halten und trotz der Schönheit, die ich eben erleben durfte, möchte ich die Monotonie der Felder und Ebenen doch recht schnell wieder hinter mir lassen.
Nach Hontanas geht es auf einem kleinen Pfad bei angenehmem Sonnenschein und ein paar Wolken entlang eines Hanges weiter in Richtung Castrojeriz. Dabei fällt mir ein kleines Mäuschen auf, welches vor mir auf dem Pfad davonläuft und ich freue mich über diese kleine kurze Begleitung auf dem Weg. Wenig später hoppelt auch noch ein kleiner Hase nur wenige Meter vor mir über den Weg und das freut mich noch mehr. Ich hatte den Kleinen wohl aufgescheucht und nun hüpft er eilig davon.
Bald danach geht der Weg auf der Landstraße weiter, geschützt von einer Baumallee. Weit hinter mir höre ich einen singenden Italiener. Der ist zwar bestimmt 300 Meter oder mehr entfernt, aber ich höre bis hierher, dass er furchtbar singt und denke nur, dass er der Operntradition seines Landes keine Ehre macht. Dann fällt mir der singende Koreaner von gestern ein und ich muss lachen. Da der Italiener aber irgendwie gar nicht mehr aufhört, fängt es irgendwann doch an zu nerven.
Inzwischen komme ich an der Klosterruine von San Antón vorbei, durch deren früheres Bogengewölbe heute die Landstraße verläuft. Das alles verleiht dem Ort eine seltsame Stimmung. Zum einen die alten Gemäuer, die eine jahrhundertealte Tradition widerspiegeln und zum anderen die Landstraße, auf der auch gerade ein Bus durch die Ruine fährt, der die Moderne repräsentiert mit all ihren Errungenschaften und Komforts. Das verbindende Element ist der Pilgerweg, dessen ursprünglichem Verlauf die heutige Landstraße noch immer folgt und der sie nun durch die Ruine führt.
Genau wie erwartet, komme ich noch vor Mittag in Castrojeriz an und entscheide mich nun endgültig, weiter nach Itero de la Vega zu ziehen und mache nur eine kurze Pause um Wasser am Brunnen nachzufüllen und mich kurz auszuruhen. Das Wetter ist fantastisch, die Sonne scheint, aber es geht ein frischer Wind, der die Wärme wegnimmt und ein paar Wolken spenden ein wenig Schatten. Castrojeriz zieht sich furchtbar lang und am Ende des Ortes wird der Blick auf den Tafelberg Alto de Mostelares frei, den es sogleich zu besteigen gilt. Vorher treffe ich aber wieder auf Berit und Konstanze, die in Castrojeriz übernachtet und damit gestern eine Mammutetappe hingelegt hatten. Mit bei ihnen ist Vico, ein junger Farbiger, der aber aus Leipzig kommt und in seinem riesigen Rucksack auch noch ein Zelt mit sich herumschleppt. Vico war uns bereits früher begegnet und aufgrund seines Gepäcks immer nur als „Der 25 Kilo – Mann“ bekannt. Wir schätzten sein Gepäck auf ungefähr dieses Gewicht (oder hatte er es sogar selbst einmal erwähnt?). Nun lerne ich Vico auch ein wenig näher kennen und er ist, ebenso wie Berit und Konstanze, sehr nett. Dann erklimmen wir den Tafelberg und treffen uns oben zu einer wohlverdienten Pause wieder, denn der Aufstieg war steil und beschwerlich.

Die Aussicht, die man hier einerseits auf das zurückliegende Castrojeriz und andererseits auf die vor uns liegenden endlosen Felder und Ebenen hat, ist aber eine angemessene Belohnung dafür. Eine herrliche Sicht, fast als sei man eine Wolke, die über das Land schwebt; irgendwie majestätisch. Dann aber geht es genauso steil, wie beim Aufstieg auch wieder bergab und jeder Schritt ist eine extreme Belastung für die Knie. Hinzu kommt, dass der Weg mit Geröll übersät ist und man schnell auf den Steinen ausrutschen kann. Aber vorsichtig, wie wir sind, passiert keinem etwas und wir kämpfen uns weiter auf dem staubigen Weg durch schier unendliche goldene Getreidefelder. Dabei wird nun auch die Sonne wieder etwas lästiger. Die umliegenden Hügel scheinen den Wind fern zu halten und somit ist diese tiefere Ebene ein wenig wie ein Kessel.
An der nächsten Wasserstelle verabschiede ich mich von den drei deutschen Mitpilgern vorerst und wandere schnelleren Schrittes weiter. Ich will nun einfach ankommen und mich in ein Bett werfen. Immerhin stellt diese Etappe bei Erreichen von Itero de la Vega für mich einen Rekord dar, denn dann habe ich heute sage und schreibe 32 km absolviert, eine Tagesdistanz, die ich bisher noch nie gelaufen bin.
Wenig später erreiche ich den Rio Pisuerga und überquere damit die Provinzgrenze zu Palencia. Nun ist es nicht mehr weit bis Itero und gegen 14 Uhr komme ich in der dortigen Herberge an. Alles ist sehr gemütlich, ich bin der erste Ankömmling heute und so kann ich die noch herrschende Stille genießen. Es dauert gar nicht lange und Berit, Konstanze und Vico kommen auch an und beziehen das gleiche Zimmer, wie ich, so dass die Deutschen schon deutlich in der Überzahl sind. Am Nachmittag kommt dann noch ein weiterer Deutscher namens Michael, der sogar schon in Leipzig gestartet und bis hierher gelaufen ist und Pauline, eine nette Holländerin, mit der ich auch ein wenig Niederländisch reden kann. Es folgen dann noch weitere Pilger, worunter ein Südtiroler und ein anderer Deutscher und man kann ruhig sagen, dass die Herberge nahezu komplett in deutschsprachiger Hand ist. Die Herbergsmutter ist auch furchtbar freundlich und wäscht sogar unsere Wäsche mit der Maschine und hängt sie sogar auch noch für uns auf. Da die Nachmittagshitze draußen nun aber unerträglich ist, verbringen wir die meiste Zeit im kleinen Garten im Schatten, unterhalten uns, schlafen und lesen. Hinzu kommen noch vereinzelte Blasenbehandlungen, wobei ich nun scheinbar damit keine Probleme mehr habe. Seit einigen Tagen habe ich keine Schmerzen mehr an den Füßen. Beflügelt von dem Wegerfolg des heutigen Tages nehme ich mir vor, morgen sogar noch weiter zu laufen und bis nach Carrion de los Condes zu kommen – insgesamt eine 34 km Tagesetappe.