Am Morgen brechen Julian, Sabine und ich in Agés auf. Die Nacht hat ein wenig Abkühlung gebracht und es ist angenehm frisch. Wir begeben uns in der Dunkelheit auf den Pilgerweg, der uns aus Agés heraus auf umliegende Wiesen und Felder führt. Hier scheint sich der Weg im Nichts zu verlieren und an verschiedenen Orten weiter vorn sieht man sporadisch Pilger auftauchen, die entweder ebenfalls ratlos scheinen oder scheinbar sicher ihren Weg verfolgen. Was sollen wir nun machen? Der Wanderführer spricht von einem Zaun, aber den können wir nicht sehen. Aber in der Dämmerung fällt uns ein Steinpfeil auf, der offenbar von pflichtbewussten Mitpilgern gelegt wurde. Diesem folgen wir nun im Vertrauen, dass dies der richtige Weg ist. Bald darauf führt uns dieser Weg wieder bergauf auf eine Hochebene. Dabei ist der Weg durch Wurzeln und Steine etwas mühselig und im Dämmerlicht auch ein wenig gefährlich, denn schnell ist man gestolpert und gefallen. Überhaupt wirkt dieses Stück Weg ein wenig gespenstig im Morgengrauen. Links und rechts sind nur einige Sträucher und man hat irgendwie das Gefühl, von der Ebene oben aus würde man etwas Unerwartetes sehen. Aber dem ist nicht so, einmal oben kann man nur weit ins Land blicken und ein einsamer Sessel in der Landschaft bildet die größte Kuriosität. Er wirkt in der weiten verlassenen Landschaft (wo sind all die Pilger von vorhin, frage ich mich) wie aus einem Flugzeug abgeworfen. Surreal und auch nicht wirklich kraftspendend steht dieser Sessel einfach da. Hier oben weht nun ordentlich der Wind und trübe Wolken befinden sich am Himmel. Nun gehen wir die Schotterpiste wieder hinab und unterhalten uns ein wenig, auch in Vorfreude auf ein schönes Frühstück im nächsten Ort. Dann tauchen auch wieder mehrere Pilger vor und hinter uns auf, so dass man nicht mehr ganz so verlassen ist.
Als wir in das nächste kleine Dörfchen kommen, halten wir Ausschau nach einem Kaffee um zu frühstücken. Vor einer kleinen Bar haben sich schon mehrere Pilger eingefunden, also muss es dort Café con leche (Milchkaffee) und ein Croissant geben. Sabine stellt ihren Rucksack auf einer Bank ab und schaut durch das Fenster nach innen. Plötzlich ruft sie: „Schaut mal wer da ist! Der Peter, die Ute und Sieglinde!“ Unglaublich, aber so kurz vor dem Tagesziel Burgos treffen wir uns also alle wieder und unsere Gruppe ist ein weiteres Mal vereint. Wir gehen herein und werden froh empfangen. Jetzt gibt es erstmal ein leckeres Frühstück und dabei erzählen uns Ute und Peter, dass sie gestern so fit waren und sogar noch über Agés hinaus gelaufen sind. Daher hatten wir uns kurz aus den Augen verloren. Nach dem Frühstück laufen wir sechs dann gemeinsam weiter in Richtung Burgos. Dabei laufen wir zumeist
umgeben von vielen anderen Pilgern und es wird sehr deutlich, dass Burgos nicht irgendein Etappenziel auf dem Jakobsweg ist, sondern ein ganz besonderes. Viele beenden hier schon ihren Weg, weil ihnen die Zeit fehlt und sie hier später wieder einsetzen. Auch Ute und Peter werden in Burgos ihren Urlaub beenden und dann wieder zurück nach Deutschland reisen. Andere wiederum beginnen den Jakobsweg in Burgos. Und viele steigen in Burgos in den Zug oder in den Fernbus um die Mesetas zu umfahren und den Weg in León fortzusetzen, wie es Sabine und Julian vorhaben. Und Sieglinde wird sogar von Burgos bis nach Santiago fahren (sie hat den Weg ja auch schon einmal absolviert) um dann noch bis nach Finisterre am Atlantik zu laufen. Die vielen Pilger zeigen aber auch, dass der Weg gut besucht ist und damit ist leider auch oft die Angst um einen Herbergsplatz verbunden.Wir laufen aber einfach weiter und erblicken schon erste Anzeichen fortgeschrittener Zivilsation, wie geteerte Straßen, Baustellen und die Autobahn. Über all dem schweben zunehmend schwarze Gewitterwolken, die zwar noch in der Ferne zu sein scheinen, aber sich konsequent auf uns zu bewegen. Zwischendurch tröpfelt es immer nur kurz und der Wind bläst uns entgegen. Bei unserer Wanderung und den Gesprächen verpassen wir dann irgendwann den unauffälligen Abzweig, der uns auf einem angenehmeren Weg in die Innenstadt von Burgos geführt hätte.
Darüber ärgere ich mich ein wenig, denn gerne hätte ich mir die industrielle Vorstadt von Burgos erspart. Wenig später erreichen wir Villafria, einen Vorort von Burgos und nun heisst es zum ersten Mal Abschied nehmen. Ute und Peter haben sich vorgenommen, von hier aus mit dem Bus in die Innenstadt zu fahren. Auch die anderen überlegen kurz, mitzufahren, aber für mich kommt dies nicht in Frage, denn ich möchte wirklich den ganzen Weg nur laufen. Wir tauschen noch schnell Adressen aus, verabschieden uns herzlich und sehen schon bald, wie Ute und Peter im Bus verschwinden und in Richtung Burgos abfahren. Sieglinde, Sabine, Julian und ich bleiben zurück an dieser hässlichen lauten Straße. Und zu allem Unglück fängt es jetzt auch noch an heftig zu gewittern und zu regnen. Es gießt aus allen Kannen und wir stellen uns so lange unter und nutzen die Zwangspause, um uns ein wenig zu stärken und dann so gut es geht wetterfest zu machen. Für einen Moment bereue ich es nun, nicht auch mit dem Bus gefahren zu sein und denke mit Graus an die Herberge, die von all den nassen schwitzigen Pilgerklamotten sicher ganz klamm sein wird. Aber dann übernimmt mein Pilgerbewusstsein wieder die Kontrolle und ich finde mich mit der Situation ab. Wir warten noch bis es ein wenig nachgelassen hat und laufen dann los.Der Weg entlang der Straße ist nervig, das Wetter tut den Rest. Es regnet uns ins Gesicht, die vorbeifahrenden Autos machen Lärm, der durch das monotone Aufstoßen der Stahlspitzen unserer Pilgerstäbe begleitet wird. Immer wieder muss man Pfützen ausweichen und so laufen wir stundenlang weiter und Burgos scheint nicht wirklich näherkommen zu wollen.
Als wir den Innenstadtrand erreicht haben, lädt uns Sieglinde in eine kleine Bar zum Kaffee ein und es tut gut, kurz abzuschalten von diesem Weg, der im Moment so gar nichts von einem Pilgerweg hat. Als wir wieder heraus kommen, hat es wenigstens aufgehört zu regnen und nun müssen wir uns durch den Großstadtdschungel durchschlagen, mit Adleraugen auf gelbe Pfeile achten und dabei immer wieder die Karte studieren um die Herberge zu finden und uns bei all dem auch nicht aus den Augen zu verlieren. Sieglinde stürmt voran, als würde sie schon Jahre in Burgos wohnen und sich auskennen, aber sie vertraut einfach darauf, wegweisende gelbe Pfeile zu entdecken und diesen zu folgen. Bald erkennen wir die Kathdrale und wissen nun, dass wir in der Innenstadt sind und die Herberge nicht mehr weit ist. Kurz vor 14 Uhr erreichen wir die von uns bevorzugte Unterkunft – eine christliche Herberge, die nur ein paar Plätze hat, noch nicht geöffnet ist und wir sind die ersten. Darüber freuen wir uns. Bald schon stoßen noch drei weitere Pilger zu uns, die zum Teil auch aus Deutschland sind. Einer davon erzählt uns, bereits einen Tag in Burgos gewesen zu sein und in einer Pension übernachtet zu haben. Dabei reift sowohl bei mir, als auch bei Sabine der Gedanke, sich diesen Luxus doch auch wieder einmal zu gönnen. Aber wir verwerfen den Plan bald wieder, denn immerhin handelt es sich hier um eine kleine Herberge, so dass die Belastung durch schwitzige und feuchte Pilgersachen gering sein würde. Gegen 14 Uhr öffnet die Herberge und wir werden noch vor Betreten des Hauses eingewiesen. Dazu gehört, dass man die Stiefel noch vorher ausziehen soll und man am gemeinsamen Essen teilnehmen muss um das Gemeinschaftsgefühl zu pflegen. Wir sind etwas überrascht ob dieser stark beschränkenden Nächstenliebe und als wir den Hospitaleros mitteilen, dass wir um 19:30 Uhr gern die Messe in der Kathedrale besuchen würden, wird uns mitgeteilt, dass wir entweder dies machen könnten oder gemeinsam mit den anderen in der Herberge essen könnten. In ersterem Fall müssten wir jedoch wieder gehen und könnten dann nicht hier übernachten. Nun, das war freundlich aber auch sehr deutlich und aus Respekt vor den Regeln dieser Herberge aber auch mit dem Wissen einer vielleicht noch positiveren Alternative (Pension) verabschieden Sabine, Julian und ich uns und gehen. Leider kommt damit aber auch der viel zu schnelle und plötzliche Abschied von Sieglinde, die beschlossen hat, hier zu bleiben. Damit zersprengt sich unsere Gruppe erneut.
Wir marschieren nun doch etwas angefressen ob dieser Haltung der Herbergsleiter in Richtung Innenstadt und suchen uns eine Pension. In Burgos ist eine Pension nichts anderes, als eine riesige Wohnung, mit mehreren Zimmern, die dann an einzelne Besucher vermietet werden. Nicht gerade komfortabel aber immerhin privat im Vergleich zu Pilgerherbergen. Für 24 € habe ich damit für eine Nacht mal wieder ein Einzelzimmer mit Blick auf einen Hinterhof.
Nach kurzer Erfrischung begeben wir uns dann wieder gemeinsam in die Stadt. Das erste Ziel ist das Postamt, bei dem ich 2,2 kg meines Rucksackgewichtes aufgebe und postlagernd nach Santiago vorschicke. Ich hoffe, damit auch meine Rückenschmerzen zu lindern.
Danach versorgen wir uns mit ein paar Lebensmitteln und gehen dann zur Kathedrale. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch das mächtige Stadttor, dass trotzig dasteht und von der Macht der einstigen Hauptstadts Kastiliens kündet. Dabei wirkt es aufgrund des hellen Steins fast wie neu und gar nicht, als könnte es Geschichten aus Hunderten von Jahren erzählen. Gleiches gilt für die wundervolle Kathedrale von Burgos. Sie ist so schön verziert und sieht mit ihren vielen Türmchen, Rosetten, Figürchen und Schnörkeln aus, wie eine Mischung aus Kleckerburg und Hochzeitskuchen. Welch ein majestätischer Anblick, ich bin beeindruckt und fasziniert. Schon allein die Außenfassade könnte man stundenlang in ihren Details betrachten, ohne alles wirklich zu erfassen. Die Kathedrale ist ein wahrer Ort zur Ehre Gottes, fast wie der himmlische Tempel selbst, verspielt und dennoch ehrfurchtsvoll. Ich erinnere mich in diesem Moment an das Buch von Ken Follett „Die Säulen der Erde“ und sehe hier eine Art meisterliche Kulisse dazu. Der Eindruck ist im Innern noch stärker. Das Gestein des Domes ist hell, an vielen Stellen gar weiß und dadurch wirkt das gesamte Kirchenschiff wunderbar hell und beruhigend.

Am Abend dann essen Sabine, Julian und ich noch gemeinsam in der Pension zu Abend und dann heisst es wieder einmal Abschied nehmen. Morgen werden sie, wenn ich aufstehe, schon auf dem Weg nach León sein und ich werde mir meine Schuhe anziehen, meinen Stock nehmen und weiter laufen, bis nach Santiago zum Grab des Apostels und meinem großen Ziel.


Wir drei ziehen unsere Schuhe wieder an, machen uns wieder auf den Weg, aber nur um in der ca. 100 Meter entfernten Taverne erstmal eine schöne kühle Cola zu trinken. Die haben wir uns aber auch verdient. Dann geht es weiter nach Agés. Der Weg windet sich wieder durch Wald und geht dann auf weiten hügeligen Wiesen und Feldern weiter. Es weht ziemlicher Wind, was die Sonne erträglich macht und gegen 14 Uhr erreichen wir Agés, ein verträumtes altes und fast leblos anmutendes Örtchen. Wir finden die Herberge, die uns wohlwollend und freundlich aufnimmt. Sie ist auch sehr schön und gepflegt eingerichtet mit sauberen Bädern und nicht all zu großen Schlafräumen. Wir haben uns für die private Herberge entschieden, doch die kommunale Herberge ist gleich im Haus nebenan. In unserem Zimmer treffen wir auch das koreanische Ehepaar wieder, das wir schon in Belorado gesehen haben. Nach dem Duschen und Wäschewaschen kommt auf einmal ein ziemlicher Sturm auf und es fängt an zu gewittern. Das erste Gewitter hier und irgendwie hatte es das Wetter des Tages auch erwarten lassen. Aber meist donnert und blitzt es nur, es fallen nur wenige Tropfen Regen. Beim Essen machen wir uns Gedanken, ob Ute und Peter auch hier sind. Wir haben sie seit Belorado nicht wieder gesehen und können uns kaum vorstellen, dass sie in San Juan geblieben sind. In unserer Herberge sind sie nicht, doch als wir so gemütlich vor dem Haus essen, kommt aus der Nachbarherberge plötzlich ein vertrautes Gesicht spaziert: nicht Ute oder Peter sondern Sieglinde, von der wir uns hinter Granon verabschiedet hatten. Sie hatte schlicht in anderen Herbergen übernachtet, als wir und nun treffen wir uns hier wieder. Wir plaudern ein wenig und gehen dann gemeinsam die kleine alte Kirche von Agés ansehen. Diese Kirche ist schön und idyllisch, sie hat etwas märchenhaftes. Das mag daran liegen, weil sie am Rand des kleinen Ortes liegt, der ohnehin schon kaum Menschen zu beherbergen scheint oder daran, dass sie so schön eingebettet in Bäume und Sträucher ist. Es ist ein wenig, wie ein verwunschenes Schloss oder ein vergessener Ort, der dadurch aber sehr persönlich wirkt.














Am späten Nachmittag kommt die Stadt Santo 






Schon bald treffe ich auf Julian, Sabine und Sieglinde und wir entscheiden uns im Angesicht der kleinen Steinleute 
Später verlasse ich Nájera wieder, nachdem ich mir das alte Kloster Santa Maria de la Real (Bild oben) wenigstens von außen angesehen habe und laufe über eine Hochebene weiter in Richtung Azofra, in dem ich gerne übernachten möchte. Die Mittagshitze treibt mich wieder voran und nachdem mich Sabine und Julian wieder eingeholt haben, marschieren wir drei gemeinsam zur recht modernen Herberge von Azofra. Hier schläft man in angenehm kühlen Zwei-Bett-Kompartments und erfährt damit erstmals seit langer Zeit wieder so etwas wie Privatsphäre. Kurz nach uns kommt auch Sieglinde an, die das noch freie Bett in meinem Kompartment zugeteilt bekommt. Natürlich freue ich mich darüber, denn vor allem weiss ich, dass Sieglinde nicht schnarcht.





Am späten Nachmittag kaufe ich ein paar Sachen ein, denn unsere kleine deutsch-österreichische Pilgergruppe möchte heute Abend gemeinsam essen und so ein wenig das Wiedersehen feiern. Außerdem versorge ich mich in der Apotheke mit Oropacks, um den Schnarchern der Welt den Wind aus den Nüstern zu nehmen. Bisher ist es mir aber nicht gelungen, die beiden Dänen zu finden, die wahrscheinlich noch erschöpft in den Betten liegen. Erst am Abend, nach unserem Essen, begebe ich mich nach draußen zur kleinen Weinstube vor der Herberge und dort sehe ich Sören und Lea wieder. Wir alle freuen uns riesig, uns wiederzusehen und haben uns trotz der wenigen Tage so viel zu erzählen. Schon gleich entwickelt sich ein sehr angenehmes und auch tiefgehendes Gespräch und wieder bemerke ich, wie gut ich mich mit den beiden verstehe und wie viele nützliche Denkanstöße aus diesen Gesprächen erwachsen. So reden wir eine Weile, bevor wir uns dann wieder einmal verabschieden, nun aber mit der Aussicht uns wohl nicht noch einmal auf dem Weg zu begegnen. Der Abend und der anstrengende Tag klingen dann also bei einem gemütlichen Glas Rioja aus. Bevor ich aber in der aufgeheizten Dachstube der Herberge zum Schlafen komme, bietet sich mir noch ein etwas befremdlicher Anblick. Überall liegen Pilger auf den Betten und pflegen ihre Wunden an Füßen und Knien. Jeder wendet sein Mittelchen an, was die ohnehin stickige und warme Luft des Raumes in eine ätherische Mischung verwandelt, die man sonst wohl nur in Hexenküchen findet. Hinzu kommen die lazarettähnlichen Ansichten leidender und erschöpfter Pilger. Im Dunst dieser Wahrnehmung falle ich dann doch in einen oropack-geschützen Schlaf. 
Bald komme ich nach Torres del Rio, einer kleinen Stadt auf einer Anhöhe, die ich aber ohne längeren Stopp durchlaufe (Bild oben). Danach geht es weiter zum Teil an d


